Montag, 19. Februar 2018

Damals, auf der Reise nach Gambia

...wurden unsere Klappräder beim Umsteigen in Brüssel nicht umgeladen, und Stefan und ich standen ohne fahrbare Untersätze im schönen Gambia. Eigentlich hatten wir vor, von Banjul nach Dakar im Senegal zu radeln. Nun mussten wir umdisponieren. Erstmal gingen wir zu den ansonsten eher etwas nervigen Herren vorm Hotel, die weißen Touristen normalerweise mit der Brechstange etwas anzudrehen versuchen: Perlenketten, Drogen oder Sex. Jetzt waren wir es, die den Spieß umdrehten: „Wir brauchen zwei Leihfahrräder und kommen in einer Stunde wieder“. Als wir zurückkehrten, wartete eine Armada von uralten Drahteseln darauf, begutachtet zu werden. Wir entschieden uns für zwei betagte MTBs und verhandelten selbstbewusst über die Preise. Vorher hatten wir uns abgestimmt: Ich sollte der Nette, Stefan der Harte sein. Nach jedem Preisvorschlag der Radverleiher begannen Stefan und ich einen ausführlichen Scheinstreit. Nach außen wirkten wir uneinig, in Wirklichkeit spielten wir Bauerntheater, und unsere gambischen Handelspartner hörten mit großen Augen zu. 


Einige der uns angebotenen Räder hatten übrigens Platten. Die Gambier wussten nicht, wie man in einem solchen Fall verfährt. Als Stefan sein Flickzeug aus der Tasche nahm und dessen Anwendung demonstrierte, bildete sich im Nu eine beträchtliche Menschentraube und schaute staunend zu. Vor allem das Anrauen des Schlauches mithilfe des Schmirgelpapiers sorgte für großes Hallo. Früher, lange vor unserer Ankunft, müssen die Räder in der Obhut kundigerer Besitzer gewesen sein, denn die Schläuche waren bereits Dutzende Male geflickt. Offenbar ist das Flickwissen auch in Westafrika auf dem Rückzug. Nach Dakar trauten wir uns mit unseren Rädern dennoch nicht; wir rollten auf ihnen zwischen Banjul, Serekunda und unserem Hotel hin und her, vorbei an brennenden Müllhalden, exklusiven Zahnkliniken und riesigen Märkten, auf denen grundsätzlich viersprachig verhandelt wurde: Englisch, Französisch, Woloff und Mandike. Da wir privat eingeladen waren, bei einer Familie in Serekunda (der wir 80€ von einer Verwanden aus Köln überbringen sollten), trat das Fahrradfahren bald in den Hintergrund - die Teilnahme am Alltagsleben der netten Gastgeber war einfach spannender. Jetzt, da es so viele Gambier als Asylantragsteller nach Deutschland geschafft haben, kann ich nur ganz ernsthaft raten, Kontakte zu knüpfen, um sich in dieses kleine, bunte Land privat einladen zu lassen. Eine einzige Woche wirkt lehrreich und belebend (wenn man sich keine Malaria einfängt). An wenigen Orten weltweit ist das Durchschnittseinkommen mickriger, aber das Savoir-vivre vieler Gambier betört, zB durch die umwerfende Farbenpracht der Gewänder oder die Raffinesse der Frisuren. Und geht zu einem Konzert! Ich sah dort das irrste Konzert meines Lebens. Fünf Trommler und ein Sänger, eine Glühbirne, 2000 Leute im Publikum, jeweils eine Frau aus dem Publikum tanzt (1 min, dann darf die nächste), keiner klatscht, außer zwei dumme Fahrradfreaks aus Europa, und so ging’s die ganze Nacht. 

Ist jetzt auch schon wieder gute 10 Jahre her. Dachte ich heute dran, beim Laufen. 32 km im Winterwunderland, ohne nervige Händler, ohne Malariaprophylaxe und ganz schlicht zu Fuß. 


Sonntag, 18. Februar 2018

Pedalör-Malör 

Meine Tuba wurde gestern verkauft. Zwar habe ich selten auf ihr im engeren Sinne geübt, wusste bis zum Schluss nicht, wo welche Töne sitzen, sprich, was man tu(te)n muss, um ein eingestrichenes B erklingen zu lassen. Aber nach Gehör konnte ich der Tuba einiges entlocken: Mein Gesellenstück war „Prinzessin de Bahia Tropical“ von Die Doofen, wo ich die Bassfiguren blies. Auf „LilaLaunebär“ solierte ich erstmals. Zu „Jet SetJazz“ steuerte ich viele dunkle Töne bei, und auf dem Hobby-Album „Die Band mit den vergilbten Photos“ wurden alle meine instubentaltechnischen Möglichkeit voll ausgereizt. Tuba im Jazz hat mich immer begeistert, vor allem, seitdem Bill Barber in den Arrangements von Gil Evans auf ihr Melodien spielen durfte. Birth of the cool. Howard Johnson sah ich als Jugendlicher in Moers, Bob Stewart in New York City, mit Don Cherry, ganz kurz vor dessen Tod. Das war ein ziemlich bedrückender Abend, weil es ihm schon so schlecht ging.

Und jetzt bin ich meine Tuba los, für‘n Appel und ein Ei. Auf dem Bild steht sie rechts, während im Zentrum ein Hosenloch zu besichtigen ist, das vor einigen Jahren dazu führte, dass mir auf Fahrradtouren vermehrt hinterhergekichert, ja, -gepfiffen wurde, womit sich der kleine Kreis zur Musik schließt. 

Heute war ich ganz still unterwegs, in schneelich schallgedämpfter Landschaft, und nach leichtem Verpennen auf eine Stunde (11 km Grunddosis) Laufen verkürzt. Ich habe diese Woche 80 Lauf- und etwa ebensoviele Klappradkilometer zusammengetragen. Voll im Plan für alle großen Ziele. Tuuut! 


Samstag, 17. Februar 2018

Arbeit? Dafür habe ich gar keine Zeit.

Ich bin nämlich momentan damit beschäftigt, meine Habe zu veräußern. Demnächst ziehen wir um, und da will ich zuvor möglichst viel Ballast loswerden. Bei der Definition des Begriffs „Ballast“ gehe ich zunehmend radikal vor: Nicht nur vier Billy-Regale und die blaue Couch müssen weg, sondern auch Tuba und Schallplattensammlung liegen auf dem virtuellen Ladentisch. Zwischen zwei Verkaufsgesprächen („Kann ich das Cembalo auch für 300 haben?“) fanden wir gestern immerhin beim Besuch einer Modenschau Zerstreuung, im Rahmen der Schmuckmesse in München. Schwer, sich wirklich streng ausschließlich auf die bisweilen arg filigranen Preziosen zu konzentrieren, zumal, wenn man so schwachsichtig ist wie ich. 

Weniger hochhackig, dafür hochtourig war dann meine heutmorgendliche Zerstreuungsfahrt: Im Skianzug stocherte ich auf meinem Birdy im Perlacher Nebel herum, bei null Grad, und gestehe, dass Strava seine motivatorische Wirkung auch auf mich entfaltet. Ich bin nämlich dort neuerdings Mitglied diverser Klapprad-Klubs, nämlich quasi aller Vereine, die mir vorgeschlagen wurden, nachdem ich den Suchbegriff „Birdy“ eingetippt hatte. Die meisten Vereine sind in Ostasien beheimatet, der größte in Singapur. Und in diesen Clubs gibt es bekanntlich Bestenlisten, in denen ich mich mit meinen heutigen 43 km behutsam gen Spitze schob. Womöglich lerne ich auf diesem Weg japanische Westentaschenpedaleure kennen, die mich eines Tages auf einer Nippon-Durchquerung begleiten. Digitaler, globalisierter Freizeitsport ist mindestens ebenso faszinierend wie die internationale Fashion-Welt. Zu gerne würde ich einmal als Bikewear-Mannequin über einen Laufsteg radeln, in Milano, Paris oder New York. Tokio ginge natürlich auch. Aber vorerst muss ich meinen Klimbim zu Ende verhökern, und zweitens sieht mein Laufsteg in diesen Tagen in der Realität eher wenig fashionable aus, sondern so: 


Donnerstag, 15. Februar 2018

Über die angemessene Bekleidung während der Leibesertüchtigung

Als Erinnerung an meine Flitterwoche erwarb ich heute in einem schottischen Antiquariat einen Stahlstich von 1881, der die Besteigung des Le Morne Braband auf Mauritius zum Thema hat. Der dargestellte Klettermaxe erklimmt den kniffligen Felsen offenbar an seiner Nordwestseite, wo die Wand besonders steil ist, in weiten Teilen lotrecht, andererseits praktische Auswaschungen (Luftblasen?) im Lavagestein als Tritte dienen. Ich bin letzte Woche von der Ostseite aus zum Kreuz gekraxelt, auf dem Normalweg, der auch für weniger Lebensmüde machbar ist. Rechts sieht man den mutigen Briten womöglich am höchsten Punkt - genau kann ich das nicht sagen, da das Kreuz deutlich tiefer positioniert ist als der eigentliche Gipfel. Sprich: Ich war gar nicht wirklich ganz oben. 

Bezaubernd ist, so finde ich, die gepflegte Garderobe des Gentleman. Woraus wurden derartige Anzüge damals gefertigt? Tweed? Leinen? Fischgrät? Mit waren selbst dünnste Leibchen in der tropischen Hitze unangenehm. Immerhin hat sich dieser Shetlock Holmes der Berge seiner Schuhe entledigt - was auf dem scharfkantigen Gestein des Le Morne wiederum eine gewisse Zähigkeit erfordert. Ich Schrumpfgermane tu’ mich ja schon mit einem ordinären Stadtmarathon barfuß schwer, und seit Jahren träume ich von einem langen Lauf in meinen holländischen Holzschuhen, fürchte jedoch, anschließend neue Knie aus Titan verpasst zu kriegen - wenn die AOK denn mitspielt. 

Heute jedenfalls pedalierte ich dick verpackt auf meinem Klapprad von St. Ottilien nach Pasing, ganz in braune Winterkleidung gehüllt. Wenn die AfD dereinst Deutschland übernimmt, bin ich schonmal korrekt gekleidet. Mein Rad wiederum ist blau und passt perfekt zu Dampferschornstein und Fernrohr beim Zwischenstopp am Ammersee: 


Mittwoch, 14. Februar 2018

Strava und Bart

Zum Fasching ließ ich mir einen Bart wachsen. Meine Frau behauptet, er würde mir gut stehen. Ich wandte ein, er ließe mich alt aussehen, und zudem betone er meine herabhängenden Mundwinkel - ich wirke mit ihm also noch schlechtgelaunter als ohnehin. Und genau dies, behauptet meine Frau, sei nach ihrem Geschmack. Hm. 

Heute nun ist zwar Fasching vorbei, aber den Bart ließ ich weiterhin zwischen Mund und Nase - nur für den Fall, dass meine Frau es ernst meint. Ich lief 20 km die Isar rauf und runter, bei -7 Grad und klarem Himmel, und frohlockte. Der Kontrast zu den feuchten dreißig Grad auf Mauritius könnte stattlicher nicht sein - für mich als gedrungenen Nordmann sind die hiesigen Verhältnisse erträglicher. Eigentlich hatte ich mich auf Eiszapfen am Bart gefreut, wie sie Wintersportler bekanntlich gerne tragen, aber da kam nix. Schade. 


Zu den wichtigen Dingen des Sportlerlebens: Einen Tag lang war ich bei Strava Premium angemeldet, heute habe ich wieder gekündigt. Die Herzmessfunktionen zB brauche ich nicht. Ich habe gar kein Herz, hätte ich fast geschrieben, aber das stimmt ja so nicht. Auf jeden Fall ist mir die Bürokratisierung des Körpers suspekt, und die Publizierung der Leistungsdaten sowieso. Jede Ära hat den Sportlertypus, der zu ihr passt: Im 19. Jahrhundert waren da die englischen Landadeligen - gelangweilte Müssiggänger, die wetten und prahlen wollten - ein angenehm dekadentes Zeugnis der späten Ständegesellschaft. Dann hielt der Taylorismus Einzug, die Zerlegung der industriellen Fertigungsschritte in einzelne Handgriffe. Der Schwimmsport machte durch die Anwendung dieses Arbeitsprinzips besondere Fortschritte: Isoliertes Arm/Beinschlag-Training erwies sich als wirksamer denn komplexes Schwimmen. Bei den Nazis wurde der wehrsportliche Akzent in den Vordergrund gerückt, im Thatcher-Zeitalter öffneten sich die olympischen Spiele dem Profitum (L.A., 1984), und heute ist der gläserne Sportler der gesamtgesellschaftliche Avantgardist. Totale Kontrolle ersetzt das Bewegungsspiel, der isotonische Durstlöscher ist der Messwein dieser Religion, und iBig Brother sieht genauer hin als der liebe Gott. Bloß weg. Bei Strava waren mir zudem, um im Konfessionsbild zu bleiben, die Kirchensteuern zu hoch, nämlich 60€ im Jahr, wenn ich‘s gerade richtig memoriere. 

Und jetzt weg mit dem Bart. Ich seh ja aus der späte Walter Sedlmayr. Und fühle mich auch so. 

P.S.: Auf Anregung meiner romantischen Frau hier noch ein bärtiges Valentinstagsbussi an alle Leser dieses Blogs. Und auch an die Leserinnen.


Montag, 12. Februar 2018

Arabische Nachtwanderung

0 Uhr in Dubai. Um 3:30 Uhr gehts weiter Richtung München. Was tun? Teresa ist müde und legt sich auf einen Liegestuhl. Ich jedoch bin hellwach, auch, weil mich die Idee begeistert, wenigstens 10 km zu laufen. Oder genauer gesagt: zu wandern - für Jogging fehlt mir die Wechselkleidung. Und womöglich sähe ein Laufsportler hier im nächtlichen Terminal auch gar zu merkwürdig aus uns würde Sicherheitskräfte interessieren. Das Gebäude ist eine langgestreckte Halle, Deckenhöhe vielleicht 20 Meter, in der Mitte sind Laufbänder installiert, an deren Handläufe Sitzreihen anschließen. Fast alle sind besetzt, von einem faszinierenden Menschen-Mix. Besonders stark vertreten ist Afrika. Bunt gekleidete Senegalesinnen und Nigerianer, dann sind da die hageren Eriträerinnen, die sich wie Klappstühle zusammenfalten können und dann notfalls zu zweit auf einen der Ledersitze passen. Ihre Körper, ihre Köpfe sind mit bunten Tüchern abgedeckt, manche sowieso voll verschleiert. Berberinnen sind auch da, mit bemalten Armen und stechendem Blick. Dann die Wüstensöhne: Einerseits die Ölprinzen, mit blütenweißen Gewändern, daneben aber auch echte Naturburschen in Jelaba, mit sonderbar knallrot gefärbten Backenbärten. Wahrscheinlich alle auf dem Weg nach Mekka, zur Hatsch. Am Gate C6 gehts nach Riadh, nebenan nach Medina. 

Auch da: kinderreiche Inder, langbeinige Niederländer, stumme Chinesen, peperonirote Engländer etc. Wer meint, nachts sei hier tote Hose, irrt. Es quirlt geradezu. Wie aufm Dom, wobei mindestens die Hälfte der Leute Schlafzimmerblick trägt, oder gar pennt.

Warum sind wir überhaupt hier? Eigentlich wollten wir schon morgens mit Condor heim, aber am Abend zuvor, wir lagen schon mit geputzten Zähnen im Bett, klingelte das Telefon: Maschine kaputt, nach Deutschland gehts erst Montagabend, Dienstag seid ihr daheim. Hotel wird bezahlt. Eigentlich natürlich ganz reizvoll, so‘n Zwangsurläubchen, zumal auf Mauritius, wir aber hatten keine Wahl, weil Teresa Montagabend die „Königin der Nacht“ singt, im Deutschen Theater in München. Also setzten wir uns noch in der Nacht an den Hotelrechner und buchten um auf einen Emirates-Flug über Dubai, mit drei Stunden Aufenthalt. 

Economy Class hat den schönen Nebeneffekt, dass durch Enge und Vertikalität der Sitzgelegenheit mein Bewegungsdrang extrem angespornt wird - je länger desto doller. Aus Drang wird Wut, ich WILL mich bewegen! 

Also los. Eine Runde, so behauptet Strava, misst 0,7 km. Stimmt sicher nicht, zumal der GPS-Empfang unter der Betondecke schwach ist. Der Schrittzähler meines Handys ermittelt niedrigere Werte, und an die halte ich mich. Mit meinem roten Ranzen auf dem Rücken marschiere ich an den Auslagen entlang, bis zum Starbucks, wende auf die andere Hallenseite, dann passiere ich den öffentlichen Trinkhahn, die schlafenden Afrikanerinnen, in die sich meine Gattin mit ihrer japanischen Schlafmütze eingereiht hat (die Afrikanerinnen kicherten eine Viertelstunde lang. Was die wohl gedacht haben mögen? Dass es sich um eine besonders fromme Frau handelt, vielleicht?). 

Ich kontrolliere die Anzahl unserer Taschen, alles ok, meine Braut schläft, also weiter. Dann vorbei am Red Bull-Automaten, zu Costa Coffee, an der Baustelle rüber zum Eingang des „Dubai International Hotels“, wieder Wende, um wenig später an ein merkwürdiges Highlight zu gelangen: den Eingang der Raucherlounge. Seltsam ferne, fremde, und für mich als Ex-Raucher auch vertraute Düfte. Wieder Wechsel zur anderen Seite; wie geht’s meiner Frau? Nichts bewegt sich, alle Taschen da. Dann weiter, bis zum Ende der Rolltreppe, Seitenwechsel. Das also ist eine Runde, und im Verlauf der nächsten 2:15 Stunden lege ich hiervon einige zurück. Ich zähle nicht mit. Besondere Vorkommnisse: Drei Toilettengänge, dreimal die Starbucks-Smoothie-Flasche am Trinkhahn nachgefüllt, einmal Kurzkonversation mit der Somalierin neben meiner Frau (als diese nämlich kurz absent ist und sie mich über ihren Verbleib informiert). Insgesamt werde ich von Runde zu Runde immer mehr wahrgenommen als der, der da seine Runden dreht, aber auf keinem der fremden Gesichter lässt sich ein Kommentar erdeuten. Hängt vielleicht mit den vielen disparaten Kulturgrüppchen zusammen: Je heterogener die Gesamtmenge, desto neutraler der Gesichtsausdruck. So‘n leerer Blick kommt nicht so schnell in‘n falschen Hals wie ein Lachen oder gar ein Augenzwinkern. 

An einem Gate gehts nach „Clark“. Nie gehört, diesen Ort. Wo soll das sein? „Male“ ist auf Sansibar, oder? Am Gate C8 tut sich ab 1:30 Uhr auch was. Eine langeSchlange bildet sich, und ich versuche, die zu erwandernde Enddistanz zu ermitteln. Schafft man 10 km, ohne den Abflug zu verpassen? Sobald mein Schrittzähler auf 10 springt, wecke ich meine Frau, und mit knapper Not schaffen wir‘s in unser Anschlussflugzeug nach München. Laut Strava war ich 16 km unterwegs, aber das ist Blödsinn. 10 waren’s aber bestimmt, und die blaue Aufzeichnungslinie finde ich graphisch durchaus gelungen. Und jetzt: Gute Nacht!



Samstag, 10. Februar 2018

Neues aus der Reihe: „Das ungleiche Mixed-Team“

Heute: „Der höchste Berg von Mauritius“. Er heißt „Piton de la Petite Rivière Noire“ und misst 828 Meter. Wir starten an der katholischen Kirche in Case Noyale. Vorbei an Kindern in hellblauen Schuluniformen und dunkelgrauen Elendsquartieren verlassen wir den Ort und marschieren die Bergstraße nach Chamarel bergauf. Meinen roten Ranzen habe ich bis zur Kimme mit Korn, äh, Trinkwasser gefüllt, denn wer weiß, ob man sich hierzulande aus den Bergbächen bedienen sollte? Ob‘s überhaupt Bergbäche gibt? Auf der Serpentinenstraße halten wir uns am rechten Rand, wegen des Linksverkehrs, da man ja bei uns links laufen würde, gell? Manch Fahrer guckt trotzdem komisch, dreimal werden wir gar angehupt. Kann aber auch daran liegen, dass auf dieser Straße praktisch nie Wanderer unterwegs sind. Die starten meist am Infozentrum im Nationalpark, nicht so wie wir auf Seehöhe. Der Ort Chamarel wird in Reiseführern als unverdorbenes Idyll gefeiert, und das Lob passt. Wir suchen in der Kirche nach Abkühlung, völlig vergeblich, aber dafür erfreut uns die liebevolle Ausstattung und die aufs wesentliche reduzierte Konstruktion des Beichtstuhls: 


Ausführliche Trinkpause, dann verlassen wir die Zivilisation und wagen uns in den Regenwald. Ein schmaler Pfad führt bergauf, ab und an markiert von gelben Fähnchen. Der Weg ist gut begehbar, allerdings machen uns die Insekten zu schaffen, die unsere verschwitzten Beine wie ein opulentes Büffet genießen. Sind‘s Mücken oder Bremsen, die uns großflächig verquaddeln? Mir egal, da ich mir erst vorgestern heftig juckende Stiche (?) am Popo zugezogen habe, beim Schnorcheln. Keine Ahnung, was für ein Tier (?) da am Werk war. Und seit der Tretbootfahrt gestern ist mein Bauch himbeerrot verfärbt. Ich lehne den Gedanken, mir mit 51 Jahren aufgrund purer Doofheit einen Sonnenbrand zugezogen zu haben, rundweg ab. Nein, ich habe keinen Sonnenbrand. Meine Haut ist auch nicht gerötet, sondern rosig. Gut durchblutet halt. Teresa ist körperlich in besserem Zustand als ich; sie marschiert forsch voran. 


Wir durchwaten ein Bächlein, stiefeln durch dichten Dschungel und beobachten Dutzende topflappengroße Schnecken bei der Paarung. Nie sah ich so monumentale Schneckenpenisse in Aktion; Gastropodenporno live. 


Auch Amphibien begegnen wir, zum Beispiel:


Bald wird der schmierige Steig steiler, und ich unterstütze meine Frau beim Aufstieg, in dem ich sie beidhändig bergauf schiebe. Klingt bekloppt, aber sie behauptet, es würde ihr helfen, und ich bin froh, dass ich meinen Puls trotz bescheidenen Gehtempos in sportlich relevante Bereiche treiben darf. Als nach drei Stunden Aufstieg eine feuchte Klippe im Weg ist, rasten wir. Der Gipfel ist nicht fern, und erstmal seit Chamarel lichtet sich der Wald, so dass man hinab auf den Küstenstreifen blicken kann: 


Was tun? Auch hier oben ist es heiß, feucht sowieso, das Gelände schlüpfrig. Wir setzen uns auf einen Stein, genießen den Ausblick und verzehren unsere Jause. Doch nicht nur Bauch, Beine, Po jucken, sondern auch die fixe Idee eines jeden Bergfexes, zum höchsten Punkt zu gelangen. Teresa merkt mein Bergfieber und flötet mir den Vorschlag entgegen, alleine den höchsten Punkt zu erklimmen. Dankbar schlage ich ein, eile los und klettere empor. Bald schließt sich wieder das Blätterdach über mir, nur ein einziges Mal kann ich noch einen Blick auf den Gipfel erspähen: 


Aber hinter diesem Blätterdachschaden ist Fernsicht-Schicht im Schacht. Ein quer über den Pfad gespanntes Seil verheißt Gefahr; offenbar ist der Weg wegen Erdrutsch nicht gangbar. Schade, aber nicht risikolos zu ändern. Der Höhenmesser zeigt 740 Meter. Wie heißt es so schön auf RTL? „Heute habt ihr euch keine Sterne erspielt“. Kurzes Hadern, dann kehre ich um und bin nach einer halben Stunde Gesamtabsenz wieder bei meiner Braut. 

Regen setzt ein. Kühlt nicht ab, macht aber den Weg deutlich rutschiger. Vorsichtshalber gehe ich voran. Huch: Plötzlich stürmt ein Tier aus dem Unterholz auf mich zu. Ein großer Igel touchiert meinen Schuh und rennt wieder zurück. Im Dickicht erkenne ich eine stachelige Kinderschar. Theorie: Die Igelmutter wollte ihren Nachwuchs durch einen Scheinangriff schützen. Abends im Hotel recherchieren wir, dass der „Igel“ ein „Großer Tenrek“ ist, zugewandert aus Madagaskar. Bis zur Ankunft der Menschen gab es nämlich auf Mauritius gar keine Säugetiere, mit Ausnahme der Flughunde. Ein Foto des Tenreks konnte ich in der Eile nicht schießen, womit ich jedoch dienen kann, ist eine Aufnahme eines Flughundes, der allabendlich überm Tennisplatz in der Hotelanlage gesichtet werden kann:


Als wir nach sechs Stunden Wanderung wieder am Ortsrand von Case Noyale eintreffen, begegnet uns noch ein weiterer Zuwander, nämlich ein Affe. Haben wir beide auch noch nie in freier Wildbahn gesehen (außer auf der Münchener Leopoldstrasse, die Spezies mit den gegelten Haaren). 

Final lassen wir uns nochmal ordentlich vom Starkregen erwischen, ohne dass es diesem die braunen Schmutzkrusten an unseren Beinen abzuwaschen gelingt. Und so steigen wir nicht nur völlig verdreckt, sondern auch pudelnass ins auf gefühlte null Grad herabgekühlte Taxi. Wie heißt es so schön in der Bounty-Werbung? „Alle Köstlichkeit der Tropen“. Ja. Der Satz passt hier höchstens halb, aber er diene als gutes Beispiel für mein bei über 30 Grad eingeschränktes Formuliervermögen. Danke fürs Verständnis.

Damals, auf der Reise nach Gambia

...wurden unsere Klappräder beim Umsteigen in Brüssel nicht umgeladen, und Stefan und ich standen ohne fahrbare Untersätze im schönen Gamb...

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