Mittwoch, 24. Mai 2017

Schlaflabor Reinbek. Die freundliche MTA verkabelt mich für Elektroenzephalogramm, EKG, Messung der Aktivität der Kiefermuskeln (Zähneknirschen!), der Beinmuskeln, Messung der Atemtätigkeit, Blutsättigung und Blutdruck. So präpariert gönne ich den versammelten Nachtschwestern ein paar Gruppenfotos und putze mir vorsichtig die Zähne. Um 22 Uhr knipse ich sodann das Licht aus und schlafe auf der Stelle ein. Die Nacht verläuft den Umständen entsprechend ruhig: Einige Male erscheint Personal am Bett und korrigiert abgelöste Elektroden, und um fünf Uhr früh werde ich entkabelt. Zwei Stunden später weckt mich mein Kamerateam, dann gehe ich mit dem Schlafmediziner alle Werte durch. Er hält meinen Schlaf für eher unruhig, führt dies jedoch auf den sogenannten "First Night Effect" zurück - die ungewohnte Umgebung. Tiefschlaf habe ich reichlich, REM eher wenig. Kardiowerte unauffällig, Blutdruck optimal. Ich schlafe auf den Seiten und dem Rücken, etwas auch auf dem Bauch. Leichtes Schnarchen, interessanterweise auf der Seite. Spannender Nebenbefund: Mein Fuß zuckt dann und wann, Folge eines gestörten Eisenstoffwechsels. Wahrscheinlich genetisch bedingt. 


Nach dem Frühstück wiederhole ich die gestrige Radtour, fahre also zum Schulauer Fährhaus und lasse mir von der s-teifen Brise "Muss i denn, muss i denn zuhum Städele hinaus..." um die Ohren wehen. Gerne wäre ich nach Glückstadt weitergefahren, aber zum einen ist der Radweg gesperrt, zum anderen meide ich Anstrengung - immerhin liegt ein weiterer Nachtdreh vor mir. Mein Plan: Früh ins Bett, bis null Uhr schlafen, dann an den Set, und von dort direkt zum Flughafen.


Auf dem Rückweg von Wedel besuche ich kurz das "Elbe-Camp", nach Ansicht führender Hipster der coolste Campingplatz wo gibt. Früher war der Platz am Elbufer ein Ort für schwer erziehbare Jugendliche, heute der dernier cri für Schlafsackratten. Ein kurzer Rundgang vermittelt mir einen positiven Eindruck, wobei eine Mitarbeiterin mir verrät, dass der Segen der Weltklasse-Kritiken langsam zum Fluch werde: Man wisse nicht so recht, wie man mit dem erzwungenen Wachstum umgehen solle. Ein Luxusproblem. 


36 km Birdy.

Montag, 22. Mai 2017

Für "Gute Nacht - Die Show vorm Einschlafen" habe ich mir nahe Henstedt-Ulzburg von "Waldläufer" Kai de Graf erklären lassen, wie man sich eine Laubhütte baut. Der Trick ist das "schiefe Dreibein", das aus drei Astgabeln besteht, die am Giebel ineinander verschränkt werden. Der Kenner erkennt hieran die Meisterschaft des Totholz-Ingenieurs. 


Sofern die Dachbedeckung aus Laub 30 cm stark ist, kann man sich in dieser Kleinimmobilie regensicher wähnen. Auch das Innere wird reichlich mit Laub gefüllt, um gediegenen Schlafkomfort zu gewährleisten. Der Isolationseffekt der luftigen Laubschicht ist beachtlich; sie ist die uralte, strubbelige Schwester der Noppenfolie. 


Die Nacht verlief angenehm; ab und an rieselte es von der Decke, und tausende Würmer und Kerbtiere sorgten für ein beständiges Rascheln. Gegen zwei Uhr flanierte in Wurfweite ein Wildschwein vorbei, das rhythmisch mit der Nase durchs Laub pflügte und dabei introvertierte Grunz-Gluckser murmelte. Ich lauschte dem Selbstgespräch etwas bang, überlegte, wie ich mich verhalten sollte, falls das Wildschwein auf mich Kurs nähme. Gut, dass ich für Angstgefühle viel zu müde war und das Schwein bald südwärts abschnüffelte. 

Bereits um fünf Uhr wurde ich vom Kamerateam geweckt; schlaftrunken stammelte ich meine Eindrücke in die Kamera, und kaum fünf Minuten später rief die Aufnahmeleitung "Drehschluss". Dies, juchhu, war einer der kürzesten Arbeitstage meines Lebens. Jetzt gehe ich ein Stündchen joggen und lungere rum, ehe es heute Abend um 18 Uhr im Schlaflabor weitergeht. 

10:33 Nachtrag: Nein, ich war doch nicht laufen, sondern bin auf dem Birdy von Eimsbüttel aus an der Elbe entlang zum Willkommhöft nach Wedel geradelt. Endlich habe ich sie mal in Aktion erlebt, die berühmte Schiffsbegrüssungsanlage. 


Hin u zurück 35 km. 


Manchmal ist ja Facebook doch für was gut: Der Chef des Fahrradzentrums in Oldenburg las meinen gestrigen Bericht und bot an, heute Vormittag mein Birdy zu reparieren. Wie praktisch! Und während ein freundlicher Mitarbeiter sich meiner diversen Defekte annahm, führte mich Meister Tom durch sein Reich, zu dem die Radstation hinterm Hbf, das Radzentrum gegenüber, diverse Werkstätten, ein Klamottenladen und ein Holzmöbelfachgeschäft gehören. Gegründet wurde die Firma 1998, und sie beschäftigt neben gesunden auch psychisch kranke Menschen sowie solche mit Behinderung. Das Thema interessiert mich sehr, und ich lasse mir eifrig die Besonderheiten eines solchen Betriebes erklären. 

Spannend auch die beiden Rad-Parkhäuser mit 1500 Plätzen; wobei manch Nutzer bezahlt, sein Rad abstellt und dann nie wieder abholt - ein merkwürdiges Phänomen. Wenn die schliesslich an die eingestaubten Räder gehefteten Zettel längere Zeit unbeachtet bleiben, werden die Waisenräder der Stadt übergeben, die diese dann noch eine Weile zwischenlagert (auf einem ehemaligen Flugplatz), ehe nach einer feierlichen Zeremonie (Mozart-Requiem, gespielt vom Oldenburgischen Fahrradklingel-Chor; Ansprache des Oberbürgermeisters sowie des niedersächsischen Kultusministers) jeder Rahmen entstaubt, einbalsamiert, mit Mullbinden umwickelt und auf einem Nachen über die Hunte transportiert wird. Am fackelbeschienenen Südufer nehmen dann freiwillige Velozipedisten die Ladung entgegen und tragen sie, Beschwörungsformeln murmelnd, zur großen Pyramide an der Holler Landstraße, hinter Ikea, in deren Innern sie ihre letzte Ruhestätte finden. Nach einer alten Oldenburgischen Sage verirrt sich jeder Grabräuber in jenem Labyrinth, das der heiligen Halle vorgelagert ist. Noch kein Unbefugter habe die Pharado-Pyramide lebend verlassen. Also Obacht, liebe Langfinger! 

Kurze Testfahrt: Mein Birdy rollt wieder. Die Mumpsbeule am Vorderrad war übrigens entstanden, weil ich bei der Montage den Schlauch eingeklemmt hatte - typischer Anfängerfehler. Normalerweise knallt's in einem solchen Fall zügig, und dass ich's damit gestern quer durch die norddeutsche Tiefebene geschafft habe, kann nur mir meinem besonders innigen Verhältnis zum Pharado zu tun haben. 

Auf Sport habe ich heute keine Lust. Jetzt Zug nach HH, dort drehe ich Zuspieler für die "Gute Nacht Show". Drei Nachtdrehs hintereinander. Uff; ob ich da Gelegenheit für Leibesübungen haben werde? 

10 Stadttransfer-km. 


Samstag, 20. Mai 2017


Mit'm Klapprad übern großen Teich? Der Reihe nach. Im Team mit Roberto Blanco konnte ich beim gestrigen "Quiz für den Westen" leider nichts mehr reißen. Aber immerhin schaffte es mein 80-Jähriger Kollege, mich Kraft seines kompromisslosen Verzichts auf Wettbewerbsmentalität in Bestlaune zu versetzen. Schnellraterunde: "Welche Soße erfand der Düsseldorfer Sowieso im Jahr 18irgendwas?" beantwortete er mit "Vormittags oder Nachmittags?" Null Punkte. Ein Triumph der Scheißegalité. 


Heute Wecker um halb fünf und ab nach Osnabrück. (Die Strecke Köln-OL, 300 km, steht bei ebenfalls auf'm Zettel, aber momentan fühle ich mich nicht frisch genug. Also heute die moderate Variante). 

Als ich vom Hbf losrolle, ist mir sogleich mein Birdy suspekt. Schwabbeliges Fahrgefühl. Vorgestern habe ich neue, pannensichere Mäntel aufgezogen. Muss zentriert werden? Da springt auch schon die Kette ab, au wei! Ich schaue bang aufs Kettenblatt. Es hat einen monumentalen Schlag, eiert unrund vor sich hin. Halunke, wo bist Du?! Wer hat mein Rad kaputt gemacht? Muss wohl beim Lufttransport von M nach K passiert sein, gestern. Der Haken, mit dem das Vorderrad am Restrahmen befestigt wird, ist auch kaputt. Aber immerhin komme ich vorwärts, nachdem ich die Kette füßelnd wieder aufgelegt habe. Hm. Ob ich es auf dieser ramponierten Mähre bis zu meinen Eltern nach Oldenburg schaffe? Dort gibt es heute Mittag Schnibbelbohnen. Daumen drücken! 


Osnabrück ist am Sonntagmorgen enorm verpennt, öder als in den schlimmsten Vorurteilen, die man gerade als Oldenburger genüsslich pflegt. Umso spannender präsentiert sich das nördliche Umland. Zunächst passiere ich Kalkriese, wo die berühmte Varusschlacht stattfand, und ich male mir tausende römische Legionäre aus, die verängstigt und verdrossen, sehr fern der Heimat, in diesem Wald eins auf die Mütze kriegten. Und zwar bei deutlich mieserem Wetter als heute. Nein, die Römer werden Osnabrück nicht langweilig gefunden haben, eher schon unangenehm aufregend. Ich schaue konzentriert nach Überbleibseln. Liegt da ein Stück römischer Rüstung im Rinnstein? Nein, s'ist nur eine Red-Bull-Dose. Gut auch der Ortsname Lappenstuhl. Hihi. Und einen Alfsee gibt's in der Nähe auch, null problemo! 


Dann: Moor! Echtes Moor, mit Torfstich! So richtig wie früher. Sensation! Ich dachte, sowas sei schon seit Kanzler Helmut Schmidt verboten, von wegen Umweltschutz. In langen Reihen sind die Torfsoden zum Trocken aufgereiht. Werden die verfeuert? Im Kraftwerk? Viele meiner Vorfahren waren Torfbauern und starben mit 40 an Altersschwäche; ich bin familiär dem braunen Sumpf verbunden - ob ich will oder nicht. 

Aufs Camper Moor folgt sogleich der nächste Höhepunkt: Die Dammer Berge - Autofahrern wegen der dazugehörigen Autobahnraststätte ein Begriff. Vom Fahrrad aus passiert man nördlich von Damme ein grünes Schild, auf dem "Dammer Schweiz" steht. Dann ein 10-minütiger, moderater Anstieg. Den "Gipfel" markiert das "Schweizer Haus", ein Ausflugslokal. Runterwärts machen Baumwurzeln den Radweg rumpelig, und mein angeschlagener Drahtesel jault vor Schmerz. 

Vechta. "Verein ehemaliger Christen" deuteten wir das KfZ-Kennzeichen VEC, während CLP "Christliches Lumpenpack" bedeuten sollte. Tiefreligiöse Gegend, katholischer als die Sprosse der Familie Boning aus Goldenstedt ist schwer möglich (ich bin die Ausnahme). 

Kurz halte ich nach dem Rolf Dieter Brinkmann-Haus Ausschau, das vor einigen Jahren eröffnet wurde. Brinkmann ist einer meiner persönlichen Helden und der wichtigste Sohn der Stadt Vechta sowieso. Das hören die Vechtaer nur gar nicht so gern. Nestbeschmutzer, der. Brinkmann hörte ich erstmals ca. 2000 auf einer nächtlichen Autofahrt im Radio. Eine Dichterlesung auf Englisch. Ich wusste sofort, wer da spricht, und zwar wegen des typischen südoldenburgischen Akzent. Es war "The Last One", live in Cambridge. Wutbürger in gut. 

Am Ahlhorner Dreieck steht dann die Freiheitsstatue im Vorgarten eines Spargellokals. 2 m hoch. Leider ohne Inschrift. Auf dem Original liest man das folgende Gedicht von Emma Lazarus: 


Puh, da kriege ich sofort Gänsehaut (wenngleich die Praxis in Ellis Island nicht immer ganz so einladend war). 

Inzwischen ahne ich, dass nicht die Laufräder zentriert werden müssen, sondern der vordere Mantel der Übeltäter ist, offenbar ein Montagsexemplar, mit merkwürdiger Gummibeule. Mantel-Mumps? Das ganze Rad muss dringend in die Werkstatt. Am teuersten dürfte das neue Kettenblatt werden. 

Am Sager Commenwealth-Friedhof vorbei nähere ich mich Oldenburg, das letzte Stück auf'm Deich des Osternburger Kanals, und nach 109 km im 23er Schnitt (leichter Rückenwind) klingele ich bei Mama und Papa. Schnibbelbohnen, lecker. Danke, krankes Birdy, fürs Duchhalten! 




Freitag, 19. Mai 2017

Das war ein angenehmer Tag, damals, und der entstandene Artikel ist durchaus einladend zum Radeln - das war mein persönliches Ziel bei der Sache. Einige Kleinigkeiten sind sachlich nicht richtig, etwa beträgt die Strecke von HH nach Winsen keine 80 km. Eher 30 oder so ähnlich (Ich möchte bitte nicht für einen Aufschneider gehalten werden). Aber was soll ich mich drüber ärgern - für Wutwallungen gibt's momentan bessere Gründe.

Die ganze Nacht habe ich mit der gestrigen S-Bahn-Kontrolle gehadert. Heute nun radelte ich per Birdy zum Flughafen München, der just jetzt seinen 25. Geburtstag feiert. Im Zuge des Jubiläums sind allerhand Festzelte errichtet, die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt - und die Radwege gesperrt. "Soup au lait", Milchsuppe: So nennt man auf französisch einen aufbrausenden, leicht überschäumenden Menschen. Moi. In scharfem Ton herrsche ich den Sicherheitsmann an: "Ich habe ein Ticket, wie komme ich jetzt zum Flugsteig?" Der schmunzelt und empfiehlt die S-Bahn, was ich natürlich ablehne. "Der Laden stinkt mir!" - "Das kann ich verstehen", nickt der Securist, " dann bleibt ja nur die Schnellstraße". Ich knirsche mit den Zähnen wie ein prasselndes Osterfeuer. "Ja, dann bleibt wohl nur die Schnellstraße" äffe ich ihn nach, "da sind Fahrräder verboten, aber hilft ja nix". Und prompt trage ich das Rad über die S-Bahn-Treppe, steige ab zum Standstreifen und rolle an der Leitplanke entlang zum Terminal 2. Auf nach Köln; da versuche ich heute bei in einer WDR-Show ("Das Quiz für den Westen") ein paar Öcken für Dravet-Syndrom e.V. zu erspielen, dessen Schirmherr ich bin. 

Und jetzt erstmal runterregeln. An den Wegrändern blühen die Wiesenwitwenblumen. Lange Hosen braucht niemand mehr. Und vorgestern habe ich Steckrüben gekocht, "Oldenburger Südfrüchte", mit Ochsenschwanz. Das schmeckte wie bei Muttern, und alle wurden satt. Es gibt also auch gute Nachrichten in diesen Tagen. 


 

Gut: Sohn Leander begleitet mich morgens zum zweiten Tag der "Ghostsitter"-Hörspiel-Aufnahme zur Bummfilm nach Otterfing. Leander hat in den letzten Wochen das Fahrradfahren für sich entdeckt und einige 80-km-Touren hinter sich gebracht - mitunter sogar alleine und bei Dreckswetter. "Aus Langeweile" antwortet er auf die Frage nach seiner Motivation, und die Begründung ist durchaus glaubwürdig, nachdem er einem eventuellen Studium zunächst ein Sabbatical vorangestellt hat. Also rollen wir einträchtig durchs frühsommerliche Oberbayern und diskutieren die Rede Ulli Hoeneß' ("Jeder hat das Recht, sich ungerecht behandelt zu fühlen"), den Brexit ("Früher galten die Briten als besonders rational, heute sind sie mehr, äh, hormonell gesteuert") und Nationalratswahl in Österreich ("Kurz hat lange Ohren"). Da wir beide unsere Diskussionsbeiträge gerne gestisch untermalen, radeln wir vorwiegend freihändig. 


Wo sich vorgestern noch die bronzene Blindschleiche im Siberlicht aalte, steht heute ein goldiges Rehkitz, reg- und arglos. Kaum fünf Meter trennen uns; wir blicken uns an wie Gut und Böse im Showdown von "High Noon", dann fällt kein Schuss, und wir passieren beglückt den Faunaklimax des heutigen Tages.

Für "Ghostsitter" spreche ich den Rechtsanwalt Rufus T. Feuerflieg, einen überkandidelten Schnellredner à la Groucho Marx. Alle Dialoge werden gemeinsam von allen Beteiligten eingesprochen, u.a. von Kollege Bernhard Hoecker, und diese Vorgehensweise macht die Chose angenehm lebendig. 

Alle 15 Minuten ordnet Tommy eine Lüftungspause an und fügt verdächtig offensiv an, dass dies nicht mit dem Aroma meines Radlwams zu tun habe. Hm. Wechselkleidung habe ich keine dabei. Wenn Hörspielproduktionen einen Vorteil haben, dann doch den, dass die Kleidung völlig egal ist. Dachte ich.

Als der Heimweg ansteht, warnt man uns eindringlich vor der Radfahrt nach München. Schwere Unwetter mit Golfball-Hagelschlag hätten bereits ein Produktionsauto beschädigt. Als wir zudem ein paar Inline Skates stadtwärts transportieren sollen, folge ich höflichkeitshalber den Empfehlungen meiner Kollegen, den Rückweg doch besser per S-Bahn zurückzulegen. Wir stempeln Streifenkarten ab (auch für die Räder) und steigen in den spärlich besetzten Zug ein - vorschriftsmäßig, wie wir glauben. Prompt geraten wir in eine Fahrkartenkontrolle und erfahren, dass Fahrräder zwischen 16 und 18 Uhr in der S-Bahn verboten sind - außerdem brauche man eine Fahrrad-Tageskarte der DB. Ein doppeltes Fahrpreiserschleichungsdelikt quasi. Meine Halsschlagader schwillt auf Überbrückungskabelstärke an, und mit der Stimmfärbung einer gereizten Klapperschlange zische ich meinen Dank für die ausgedruckte Kostennote hervor. 120 €. Ohne böse Absicht. Der Kontrolleur: "Ich kann leider keinen Promibonus anwenden, weil: wir haben hier überall Kameras". Meine Stimmung kippt endgültig, und ich skandiere heiser: "Es! Ist! Ja! Wohl! Auch! Völlig! Egal! Wer! Ich! Bin!" Oh, wie ich sie alle hasse: Den ÖPNV und seine kafkaesken Regularien. Die Autos auch. Und meinen Heuschnupfen. Lasst mich einfach radeln, Ihr alle! (Dass wir durchs Zugfenster keinen Tropfen, kein Hagelkörnchen sehen, möchte ich an dieser Stelle am liebsten gar nicht erwähnen). 

Ja, jeder hat das Recht, sich ungerecht behandelt zu fühlen. Nicht nur Ulli Hoeneß. 

36 km.


Donnerstag, 18. Mai 2017

Traumtag, total Tretroller-tauglich. Meine Freundin hat morgens in Hasenbergl zu tun, Münchens wildem Nordwesten, hinter BMW, dort, wo die Erlkönige in zweiter Reihe parken, wo die sperrhölzernen Bärenfellmützenträger der "Kingsgard-Textilpflege"-Filialen die bestgekleideten Passanten sind und der Plattenbau (West) einen seiner historischen Siege feierte. 

Aber erstmal hinkommen. Der Zweirad-Verkehr ist dicht wie ein Abflussrohr in  der Kanalisation des alten Islamabad. Lastenfahrräder mit Kindern drin, Studenten, verwitterte Komparserie aus "Zur Sache Schätzchen", und alle, alle haben's eilig. Zwischendurch werden wir von wirren Autofahrern angehupt, und ich motze beherzt mit meiner Oldenburg-Klingel zurück. Pass up do! Als Tretrollerfahrer ist man etwa so schnell wie eine sehr alte Tourenradlerin, auf den ersten Metern jedoch spritziger. Laut Straßenverkehrsordnung gilt ein Roller allerdings als "Kinderspielzeug", unterliegt keiner Beleuchtungspflicht und darf, ja muss, Trottoirs befahren. Man ist also nicht Fisch, nicht Fleisch. Vogel wäre gut, dann höb' man ab und hätt' sei Ruh'. 

Kurz vor knapp geht meiner Komoot-App der Strom aus, und so verlasse ich mich für den Rückweg auf die städtische Radweg-Beschilderung. Ist eh viel besser. "Radl-Autobahn" - so nennt man in Minga diese kreuzungsarmen Schnellwege. Daran kann man gut sehen, welche Fahrzeugklasse den Verkehr dominiert (ich warte auf ein Zeitalter, in dem man eine exklusive Kraftfahrtstrasse "Auto-Radweg" nennt). 

Viele Pollen in der Luft. Ich schniefe asthmatisch - wie bereits im Lenz vor drei Jahren. Daheim durchstöbere ich das Internet nach Einkaufsquellen für Atemschutzmasken. Jemand sagte mir zwar, die taugten nicht gegen Pollen - aber ich würde es dennoch gerne selber ausprobieren, schon alleine wegen der inkognitisierenden Optik. Vielleicht sowas? 


Strecke: 25 km, 2h

Mittwoch, 17. Mai 2017

"Arbeit ist die Folge der Erbsünde" seufzte meine fromme Oma mütterlicherseits oft und gern. Ich stelle ihre Sicht ungern in Frage, aber mindestens ein Aspekt am Erwerbsleben gefällt mir ausgezeichnet: der Arbeitsweg. Arbeit ist für mich deswegen unverzichtbar, weil sie mir Gelegenheit gibt, mich morgens aufs Rad zu schwingen und an den Arbeitsplatz zu eilen. Heute befindet sich dieser bei der Bummfilm, in Otterfing, 30 km südlich von München. Das Hörspiel "Ghostsitter" wird dorten eingesprochen, und so eile ich auf meinem Crossrad am oiden 60er-Stadion und dem Trainingsgelände des FC Bayern vorbei durch den Perlacher Forst. Mannometer, Ihr Autofahrer, habt Ihr einen Schimmer, was Euch entgeht? Die Natur feiert sich selbst, ekstatisch, es riecht nach Feuchtholz, Chlorophyll und Dung, man meint in der Höhe bis an die fernsten Ränder des Universums blicken zu können, und vor mir paradieren die Alpen, weiß geschminkt wie thailändische Ladyboys auf einem Laufsteg. 


Kurz vor Sauerlach, auf dem "Eisenbahnstrassl", einer Schotterpiste neben der Bahnlinie Richtung Tegernsee, erlebe ich dann auch schon meinen Tageshöhepunkt: Eine Blindschleiche liegt im Prachtlicht und tankt Wärme. Ich steige ab, verwickle sie in einen kurzen Plausch (Wahl in NRW, Trump verrät Staatsgeheimnisse an Russland, ESC), dann wünsche ich Ihr einen angenehmen Resttag und fahre weiter, so dass ich nach eineinhalb Stunden im Studio eintreffe. 


Regie führt Tommy Krappweis, dessen Papa unlängst beim Radtraining ums Leben kam. Werner war 75, früher in der Nationalmannschaft der Rennradler, und fuhr auch als Senior mehrmals wöchentlich 80-km-Touren. Die Bücher "Vorzelt zur Hölle" und "Sportlerkind" machten ihn einem größerem Publikum bekannt. Werner war hurtig, hilfsbereit, herzlicher Humorist und hintersinniger Haudegen, Herzensbrecher und Hallodri - und hiermit zähle ich nur jene seiner Vorzüge auf, die mit "h" beginnen. Immerhin war er sofort tot, nachdem auf einer Abfahrt das Automobil vor ihm eine grundlose Vollbremsung hinlegte und er chancenlos auffuhr. Er hat sich einen derartigen Tod immer gewünscht: Vom Rad fallen - tot. Hat er mir selber mal gesagt. Allein: Der Trost ist schwach. 

Der Berg, an dem der Unfall passierte, soll, so wünscht sich sein Radsportverein, in "Werni-Berg" umbenannt werden und veranstaltet zu seinen Ehren eine Sternfahrt. Blühende Rapsfelder und wonnemonatliches Gesummse passiere ich auf meiner nachmittäglichen Heimfahrt und gedenke seiner inniglich. Leute, bitte fahrt vorsichtig!


Macht zusammen 64 km, 3h

Dienstag, 16. Mai 2017

Feinster Niesel, als sei die Welt ein Friseursalon, und der liebe Gott drücke auf die Haarspraydose. Leicht bekleidet und ohne Schuhe trimmtrabe ich morgens vom Elternhaus über den Schulhof des Schulzentrums Kreyenbrück, auf dem ich in allen großen Pausen zwischen der 7. und 10. Klasse Fußball spielte (trotz der Versuche der Französischlehrerin Frau Trinks, uns die Bolzerei zu untersagen - wegen der hiermit einhergehenden Schweißgeruchsbelästigung). 

Tuffig aufgedampft wackele ich Klingenbergstrasse und Bahnhofsallee hinunter - auf dieser Route war ich schon als 14-Jähriger joggen, immer Mittwochsabends mit der Leichtathletiktrainingsgruppe von Peter Maurer. Zumeist liefen wir 45 Minuten, in Kapuzenpullis mit "DSC"-Aufdruck, und die Füße steckten in "Brütting"-Schuhen - das war damals State of the Art. 

Jetzt rechts in die Bümmersteder Tredde. Die Füße sind heut ein bisserl pieksempfindlich, und das Oldenburger Gehwegpflaster fühlt sich rau und grob an. Merke: In Sachen Sohlenschmerz entscheidet die Tagesform, unabhängig von der angestrebten Langzeitabhärtung. 

Zurück via Osternburger Kanal, dessen Uferweg durchgängig von flauschig weichem Grasbewuchs begleitet ist, den ich genüsslich betrabe. An der Gefängnismauer faulenzen die Deichschafe, und in der Buschhagenniederung tirilieren die Vögel ihre Etüden. Aus dem Friseursalon wird ein Konservatorium für Soprane mit Flügel. Nur selten mischen sich Mezzosoprane (Krähen?) und Altistinnen (Tauben?) ins Stimmdickicht. 

Kurz vor Schluss trete ich fast in einen Hundehaufen. Wäre mir fast noch unangenehmer als Glas & Zigarettenstummel. Hundefreunde, packt Euch Kackerlsackerl ein - wenn ich irgendwo reintrete und werde eurer habhaft, gibt's einen Anschiss - versprochen!

10 km, eine Stunde. Mehr mag ich nicht; bin noch abgeschlagen von der gestrigen Großfahrt. 

Montag, 15. Mai 2017

Fünf Uhr fünfundvierzig - in der Deutschen Geschichte eine belastete Aufbruchszeit, aber die Hafenfähre 62 schert sich nicht um politisch korrekte Fahrpläne. Nach Finkenwerder will ich, so wie ein Dutzend brüllend müder Hafenarbeiter. 28 Minuten bei Kaffee und Salamibrot, vorbei an zwei Aida-Kreuzfahrtschiffen, dann gehe ich von Bord und lasse die "Komood"-App einen Weg ausrechnen. Was? Durch die Bremer Innenstadt will mich das Navi schicken? Auf rote Ampeln habe ich keine Lust, und außerdem gibt gerade diese Radtour die hübsche Gelegenheit, nicht nur ein-, sondern gleich zweimal Fähre zu fahren! Also herrsche ich die App an, mich gefälligst in Bremen-Nord die Weser überqueren zu lassen. Macht vier km mehr. Sehr wohl. 

Erstes Highlight: Airbus. Das Fabrikgelände ist immer sehenswert, zumal wenn gerade ein Testpilot Kavalierstarts mit einem "Etihad"- Jet ausprobiert. DAS klingt angeberisch - da kann der gemeine Lamborghini-Fahrer einpacken. Nur nicht ablenken lassen; schön auf die Straße schauen, die parallel zur Startbahn verläuft; der Verkehr ist dicht; artig halte ich mich an die Radwege an diesem dieselblauen Montagmorgen. 

In Harsefeld gibt's Ärger. Der Hinterreifen ist platt, so wie schon am letzten Mittwoch. Der Fernpass-Schotterweg scheint den "Marathon Racer"-Reifen nicht bekommen zu haben. Wieder hat sich ein scharfer Steinsplitter durch den Mantel zum Schlauch gezwängt. Pieks, Pfff. Ich opfere die planmäßige Kaffeepause und tausche den Schlauch aus. Da bauen die Leute Atomkraftwerke und können noch nicht mal pannensichere Fahrräder herstellen! Anfänger, alle miteinander! Könnte glatt ausfällig werden! (Saß gestern neben Kalle Schwensen im Polittalk, der bei wirklich jedem Thema ruckzuck auf der Palme ist - das steckt an). Ist zufällig eine Bushaltestelle in der Nähe? Nein? Also weiter petten. Jetzt nur nicht miesepetrig werden...

Zeven-Tarmstedt-Lilienthal. Der Hinterreifen hält, uff, sogar, als mich das Navi erstmals weg von den dicht beknatterten Straßen auf einen verwunschenen Nebenweg führt, mit garstig groben Gesteinsbrocken als "Belag". Tempo reduzieren geht nicht; ich habe Mama und Papa versprochen, dass ich bis zum Mittagessen in Oldenburg bin, mehr als eine Absteigepause ist nicht drin, und die habe ich bereits mit Monteursarbeiten vergeudet. 


Immerhin wird die Landschaft ab Ritterhude gänzlich märchenhaft. Der Himmel blö, das Grün wird satter, der Magen knurrt, es geht zu Vatter. Und zwar durchs Teufelsmoor, an der Hamme entlang. Kurz vor 12 Uhr erreiche ich den Fähranleger in Vegesack. Hal över! Dem Fährmann erkläre ich, frühsommerlich euphorisiert, dass ich diese Strecke einmal im Jahr führe, das sei so eine Art Individualtradition. An das erste Mal erinnere ich mich besonders gerne - da begleitete mich bis Stade mein Dresdner Sportfreund Uwe Weist, und zwar auf einem schweren roten Leihrad der Hamburger Verkehrsbetriebe. 

Vom schwankenden Kahn knipse ich das Schulschiff "Deutschland" und rufe daheim an. "Essen kann so langsam auf den Herd". An Weser- und Huntedeich entlang nähere ich mich dem elterlichen Trog und denke dabei über zwei neue Fachbegriffe nach, die ich in der Sonntagszeitung aufgeschnappt habe: Die "Anywheres", heimatlose Protagonisten der Globalisierung, aka "Elite", und die "Somewheres", die im Grunde nichts haben außer ihre Wurzeln. Einerseits bin ich eher ersteres, aber je älter ich werde, desto auffer geht mein Herz, wenn ich Oldenburg anradele, Somewhere, me!

Das Huntesperrwerk ist neu, kuck an! Sonst alles beim alten: Marsch, Köterende (schöner Dorfname), Schafe, Dalmatiner-Kühe. Zauberhafte Dingsda-Blüten. Verdammt, wie heißt das Zeug, Zierpflanze aus'm Himalaja. Braucht saure Böden. Bromelien nicht, Quatsch...ich komm nicht drauf...gebt mir endlich was zu essen...Azaleen auch nicht...Drahtesel-Demenz. Frohlocken an der Autobahnbrücke, Oldenburgs mächtigstem Bauwerk. Da ist auch schon Ikea! Hurra, gleich bin ich da!


...von wegen. Reifen platt, diesmal vorn. Allerdings genau am Ortsschild - ein buchstäbliches Zeichen. Nach 146 km Gegenwind, 22er Schnitt, verzichte ich auf eine weitere Reparatur und bitte meinen Papa, flugs herbeizueilen und mich ins Auto zu laden. Großes Hallo, Spargel im Garten. Meine Eltern juxen, von wegen, Autofahren hat auch Vorteile, gell? Ich sach nur Lam-bor-dschini! (Vom Airbus mal ganz abgesehen). Noch in dieser Woche werde ich pannensichere Schläuche besorgen. 

P.S.: Rhododendron. 

Sonntag, 14. Mai 2017

Manch Oberhemd umschließt mich derzeit ohne Luft und Spiel. Wirklich korpulent bin ich nicht, aber ich ertappe mich immer häufiger dabei, dass ich bei Fotosessions den Bauch einziehe und die Luft anhalte. Wenn der Fotograf dann nicht schnell genug knipst, laufe ich gewitterwolkenblau an, und die so entstandenen Bilder müssen aufwendig gephotoshoppt werden. Mit weltschmerzlichem Seufzer schob ich darob zwei Obsttage ein, ehe ich heute Vormittag bei ausgiebigem Brunch im Stamm-Café am Viktualienmarkt mit einem ziegeldicken spanischen Omlett den Diäterfolg kalorisch ausglich. Schlagartig stieg die Laune, ich auf's Rad und kurbelte mich zum Flughafen. In München sind dies ab Innenstadt etwa 35 km, vorbei an gelbem Raps- und rosa Kastanienblüten, unter dramatisch dräuenden luftanhaltegesichtigen Wolkengebirgen. Zwanzig Grad! Es frühsommert! 

Am Sperrgepäckschalter plauderte ich mit einem velophilen Engländer. Er fragte, wie ich's mit den Reifen hielte: Lasse ich die Luft ab, ehe ich das Faltrad aufgebe? Ich verneinte. Womöglich besteht bei Hochdruck-Rennradreifen Explosionsgefahr, aber die 85 psi meines Birdys haben bisher noch keinen Pneu zum Platzen gebracht. Im Gegenteil: Ich ärgerte mich schon manches Mal über übereifrige Flughafenpersonal, das mir meinte einen Gefallen zu tun, indem es die Ventile öffnete und mich am Zielflughafen fluchen ließ. Der Engländer bestaunte mein Birdy, schwört bisher auf Brompton, und ich spendierte ein paar verkrampfte Lobesfloskeln. Dabei, so finde ich, ist das Pfiffigste am Brompton noch der Gepäckträger mit seinen kleinen Transportrollen, alles andere ist technisch eher hausbacken. Aber wer ausgerechnet gegenüber einem Engländer die Überlegenheit deutscher Faltrad-Ingenieurskunst hervorhebt, läuft Gefahr, für arrogant gehalten zu werden. 

Sodann hielten wir übereinstimmend die Unsinnigkeit schützender Faltrad-Reisetaschen fest. Lackkratzer seien für den wahren Enthusiasten kein Makel, sondern adelnd, etwa so wie Schmisse - wobei ich an der englischen Übersetzung des Wortes "Schmiss" scheiterte. Have a nice day, bye bye!

In Hamburg war's fast noch wärmer, dafür ist der Flughafen zentrumsnäher. Ich nahm mein Birdy in Empfang und fuhr Richtung Eppendorf, vorbei an jener völlig überteuerten Wohnung im Lehmweg, die ich mit Anfang zwanzig gründlich verwohnte. Das "Onkel Pö" nebenan, zu meiner Zeit in "Legendär" umgetauft, heißt heute "Mama", aha. Oh, heute ist Muttertag. Muss noch anrufen, nicht vergessen. Erstmal im Hotel einchecken. Nachher ist Talkshow-Test im Thalia-Theater, mit Steffen Hallaschka, Ina Müller, Micky Beisenherz und Kalle Schwensen, "Die letzte Instanz". Danach schnell ins Bett; ich habe morgen sportlich einiges vor...




Samstag, 13. Mai 2017

Wo stehe ich? Im Dezember war ich ein paar Tage im Krankenhaus wegen Hernien-OP, anschließend musste ich sechs Wochen pausieren. Natürlich bin ich schon früher wieder ans Werk gegangen, und zwar ins Schwimmbad. "Sine Aqua non est Vita", wie wir Latinos sagen. Hundert Bahnen im Müllerschen Volksbad, also 3300m, waren mein erstes Trainingsziel, welches zügig erreicht werden konnte. Dann unternahm ich vorsichtig erste Dauerläufe und Tretroller-Ausfahrten, so dass ich Anfang März mit einigermaßen stabiler Ausdauerreserve ins schöne Engadin fahren konnte, um nämlich dorten gemeinsam mit meinem Freund Hannes am Skimarathon teilzunehmen. 

 
 

Vor 10 Jahren, als wir beide 40 Jahre alt wurden, hatten wir uns vorgenommen, aus Anlass unseres 50. Geburtstages "Worldloppet-Master" zu werden. "Worldloppet" ist eine Skilanglauf-Rennserie für Amateure, die die größten und wichtigsten Skimarathons umfasst, und zwar auf fast allen Kontinenten, sogar in Australien. Ein "Master" wird man, wenn man 10 dieser Rennen absolviert, davon eines in Übersee, und als Trophäe winkt dem Master ein hässlicher Teller zum An-die-Wand-hängen. Oder so ähnlich. Die gesamte Serie war uns denn doch zu aufwendig, aber in Gänze wollten wir unser Vorhaben denn doch nicht aufgeben. Also fuhren Hannes, Teresa und ich in die Schweiz, zum nächstgelegenen Event. Wir flanierten durchs winterliche St. Moritz, schlugen uns die Bäuche mit Pasta voll und schlossen uns am nächsten Tag den übrigen 13.000 enthusiastischen Volksläufern an. Der Clou: Seit fünf Jahren hatte ich nicht mehr auf Langlauf-Skiern gestanden, von einem Showauftritt beim ARD-"Starbiathlon" abgesehen. Nicht nur fehlte mir das Training, ich hatte nicht einmal testhalber die Funktionstüchtigkeit der Bindung studiert. Was, wenn sich Schuhe und Skier nicht ineinander klicken lassen?  - schoss es mir durch den Kopf. Ich hätte die Latten dann wohl ins Ziel getragen, vermute ich. Musste ich aber gar nicht; es wurde eine schöne Veranstaltung, von den Staus an sämtlichen Anstiegen abgesehen. Und nicht nur bergauf war Geduld notwendig; auch an einer heiklen Waldabfahrt hieß es warten. Rumstehen ist mit den dünnen Latten im steilen Gelände gar nicht so einfach, zumal wenn's voll ist wie auf'm Rummel, aber eben alle Welt Skier an den Füßen hat. Man tritt sich auf selbige, und es droht der berüchtigte Domino-Effekt. Das Wetter brillierte, die Laune passte, aber auf der zweiten Hälfte gewann ich den Eindruck, nicht wirklich in Topform zu sein. Stehend k.o. rutschte ich nach 42 km und 3:38 h ins Ziel. Da war nix mehr mit Abfahrtshocke und Co; steif wie ein Schneebesen stakste ich gemeinsam mit mexikanischen Sombreroträgern in die totale Unterzuckerung. Immerhin wirkte die Teilnahme ungeheuer motivierend, und den Titel "Worldloppet-Master" will ich unbedingt eines Tages tragen, wenn mich denn der liebe Gott von Krankheiten und ungünstigem Tauwetter verschont. Vielleicht sollte ich mich sputen, um den wintersportlichen Folgen der Erderwärmung zuvorzukommen. 

 

Nach dem Engadiner Skimarathon widmete ich mich meinem Tretroller. Die längste im zurückliegenden Frühjahr ertretene Strecke führte mich von Innsbruck zu meinem Sohn Cyprian nach Landeck und betrug 80 km. Auch mit dem Faltrad legte ich relevante Strecken zurecht, so radelte ich in Begleitung zweier netter Fachjounalisten von Bonn nach Herne zu einer Lesung aus meinem Buch "Im Zelt". Das sind stolze 120 km, und beide Journalisten waren ganz beglückt, dass sie erstmals in Ihrem Leben länger als 100 km geradelt hatten - und das dann auch noch auf Falträdern: Brompton, Tern, ich auf meinem Birdy. Die Beglückung der Schreiber beglückte wiederum mich, und endete der Tag in umfänglicher Zufriedenheit. 

Weiterhin bin ich damit beschäftigt, "unspezifisch" zu trainieren, also nicht festgelegt auf eine bestimmte Bewegungsart. Auf allen Gebieten "ziehe ich die Schraube an", wie Olympiasieger Dieter Baumann zu sagen pflegt, heißt: Ich erhöhe Umfänge und Intensitiät, aber ich tue dies vorsichtig, um keine Verletzung zu riskieren. Heute war wieder Barfußlaufen dran. Ich lief ähnlich wie gestern an der Isar entlang nordwärts und durch den Englischen Garten zurück - aber etwas länger als gestern, nämlich ca. 13 km. 

Freitag, 12. Mai 2017




Der Muskelkater lässt nach; ich kann wieder laufen. Barfuß trimmtrabe ich 10 km die Isar nordwärts und durch den Englischen Garten zurück.


Warum barfuß? Die Vorgeschichte ist ein Riss des vorderen linken Außenbandes, am Morgen eines "Rock the Classic"- Drehtages in der Schweiz, im Herbst 2014. Ich joggte damals frohgemut in der Nähe des Klosters Einsiedeln einen Talweg entlang. Plötzlich knickte ich grundlos um, es machte "Peng!", der Fuß schwoll melonenhaft an, und ich wusste sofort, dass ich mich ernsthaft verletzt hatte. Immerhin schaffte ich es noch, ins Hotel zu humpeln und den folgenden Drehtag sehr tapfer zu absolvieren. Abends stand ich sogar noch als Flötist auf der Bühne in Zürich; auf Tanzeinlagen verzichtete ich, und in mein Showlächeln schlich sich bedröppelte Säuernis.


Seitdem lief ich in grobem Gelände nie mehr so unbeschwert wie vor dem "Peng!", und ich erwog, gänzlich aufs Laufen zugunsten anderer sportlicher Genüsse zu verzichten. Dann jedoch entdeckte ich einen wesentlichen Vorzug des Barfuß-Laufens: Umknicken ist unbeschuht nicht möglich. Ja, da staunt Ihr, gell? Nur, wer Schuhe trägt, kann sich die Bänder demolieren - so wollen es die biophysikalischen Grundgesetze. Neugierig startete ich im Sommer 2016 ein erstes Barfuß-Marathontraining, welches jedoch nicht von Erfolg gekrönt war. Als es bereits stark herbstelte, schienen mir meine Füsse noch nicht reif für die große Strecke, und so lief ich den München-Marathon im letzten Oktober in herkömmlichen Mainstream-Laufschuhen, ganz vorsichtig und imTasteschritt. 


Dieses Jahr will ich's wissen! Dem Vorhaben kommt zugute, dass mir das barfüßige Dasein großen Spaß macht. Unwillkürlich wähnt man sich im Urlaub, fühlt sich frei, arm und besonders. Erstaunlich, welche Reaktionen man bisweilen hervorruft! Bürgerliche Damen gucken mitleidig oder schütteln mit dem Kopf, Angetrunkene Handwerker rufen mir "Du hast die Schuhe vergessen!" hinterher, und tauche ich blankhaxig auf einer Bühne auf, kann ich sicher sein, dass die Aufmerksamkeit des Publikums von Weltenbrett bis zum Knöchel reicht; alles andere interessiert vergleichsweise wenig.


Eine Freundin meiner Freundin findet es sogar eklig, schuhlos durchs Leben zu gehen, von wegen Bakterien, Taubenkot und Wundstarrkrampf. Derlei Vorbehalte spornen mich nur noch mehr an; was dem Steinzeitmenschen recht, kann mir nur billig sein. Bakterien gab's damals nämlich auch, und trotzdem sind unsere Vorfahren nicht von unten her verfault.


Zugegeben: Es gibt Wegbeläge, auf denen man sich Sohlen wünscht, etwa Rollsplitt, Kantkies oder nasses Kopfsteinpflaster. Letzteres ist nämlich bei Regen enorm rutschig, wenn man's mit nackten Fußes beläuft. Andererseits ist das Laufen auf taubenetzter Wiese barfuß ein besonderes Geschenk und unbedingt zur Nachahmung empfohlen.


Wo ich meinen Marathon laufen möchte, habe ich noch nicht entschieden, aber die Strecke sollte möglichst komplett asphaltiert und frisch gefegt sein. Soweit bin ich aber noch nicht; ich werde einstweiligen vorsichtig die Umfänge steigern. An Orten, an denen echtes Barfußtraining unmöglich scheint, werde ich auf meine "Leguanos" zurückgreifen. Hach, wie ich diese heroischen Ziele liebe! Ja, ich bin ein Heroist, naiv und gefährlich. 


Nun denn; bis zum ersten Frost ist noch viel Zeit, und vorher gibt es noch allerlei andere sportliche Herausforderungen zu bestehen.