Montag, 29. Mai 2017

I wui an Biersee, so groß wie der Schliersee...


"Kombi-Tour" - so nennen die Innenseiter eine kombinierte Rad- und Bergwandertour, oder, ums im Jargon der Mountainbike-Ära auszudrücken: "Bike & Hike". Ich habe schon viele derartige Unternehmungen hinter mich gebracht, aber noch nie habe ich meinen Wohnort München zum Ausgangspunkt einer Kombitour erklärt. Der Grund ist simpel: Die Berge sind halt noch ein gutes Stückchen weit weg. Ab und an liebäugelte ich mit einer Route, die sich vornehmlich im Spätwinter anbietet, wenn man nämlich Radfahrt mit Skitour kombiniert: Man pedaliere südwärts, durch Bad Tölz hindurch, deponiere das Rad an der Brauneck-Bergbahn-Talstation und stiefele auffi. Nun ist der Schnee zwar weg, dafür fallen heute Hitzerekorde, aber man muss ja nicht mit Skiern bergauf; Leguanos tun's ja auch.

8:09. Rauf aufs Crossrad. Start am Viktualienmarkt. Puh, Hitzeschwaden schon jetzt. Flockige Pollennester treiben in der Luft; meine Nase heuschnupft heuer lästig. Immerhin hat man als Sekretsprudelquelle einen guten Grund, Regen herbei zu wünschen. Morgen soll's soweit sein, juhu, aber vorher heißt es: Einfach laufen lassen; Augen zu und durch. Ist es überhaupt schlau, unter diesen Bedingungen zu sporteln? Wir werden sehen. 

Mein Reisetempo ist höchstens mittel, die Herzfrequenz hingegen hoch. Scheint wirklich heiß zu sein, wenn ich den daumendicken Schweissfilm auf meinen Unterarmen richtig interpretiere. In Bad Tölz besuche ich erstmal Edeka - da ist es herrlich schattig, und ich gönne mir ein Kaffeetscherl, eine Banane sowie eine große Tüte Sonnenmilch. 

Von Bad Tölz ist es nicht mehr weit bis Lenggries. Nach lästiger Verirrung, 4 km extra, rotze ich mich durch staubige Baustellen hinauf zur Talstation. Das Rad deponiere ich vor einer hölzernen Bierhumpen-Skulptur. Sakrale Holzschnitzereien haben hier im Isarwinkel eine jahrhundertealte Tradition, und das Bittgebet "I wui an Biersee, so groß wie der Schliersee", schießt mir mit ohrwürmelnder Macht ins Hirn. 

Schniefelrotztröt. Mir geht es nicht gut. Es ist 11:30, ein riesiges blaues Dampfbügeleisen hängt über der Gegend, und klare Brühe suppt mir aus den Nasenlöchern, so dass man meinen könnt', ich trüge eine Sprinkleranlage im Zentralgesicht. Kalte Schauer laufen zudem meinen Rücken auf und nieder, als ich die Radschuhe in einer Hecke verstecke und den steilen Wirtschaftsweg der Skipiste in Angriff nehme. Kein Mensch weit und breit. Doch, nach einer halben Stunde treffe ich ein Pärchen. Er: "Und ich dachte schon, wir sind die einzigen Bekloppten!" Da schießt ihr Hund, ein korpulenter Bullterrier, aus dem Unterholz hervor und auf mich zu. Offenkundig will er mir ins Genital beißen. Während das Pärchen den gliedgeilen Gierschlund in letzter Sekunde zurückpfeift, murmele ich: "Doch, ihr seid die einzigen Bekloppten weit und breit". Immerhin sorgt der Möchtegern-Beißer für Motivation: Wacker acker ich mich nun bergauf, um Abstand zu gewinnen. Die Leguanos sind hierfür durchaus geeignet - nur auf sehr steilem Schotter wünschte man sich etwas mehr Grip. 


Bald passiere ich einen Biersee, so groß wie der Schliersee. Oder ist es doch nur ein Wasserreservoir für die Schneekanonen, die meinen Weg säumen? Tucktucktuck knattert mein Herz. Oder kommen die Geräusche vom Dampfbügeleisen über mir? Unterm Schädeldach kocht der Brägen. Gerne würde ich umrühren. Oder einen nassen Lappen drüber legen. Oder in das Wasserreservoir hüpfen. Oder mich ganz einfach in den Schatten legen und dort dösen. Aber: Hier ist kein Schatten weit und breit. 

Nach einer Stunde Aufstieg habe ich genug Sonne getankt, kehre im Panoramarestaurant ein und bestelle einen Kaiserschmarren. Bin völlig durchgeschwitzt, aber zu müd', um mir etwas trockenes anzuziehen. Lustlos stochere ich im Schmarren herum. Dass ich derlei nicht begeistert und rückstandslos verzehre, ist ein schlechtes Zeichen. Normalerweise kann ich jederzeit beliebige Mengen auch abseitigster Lebensmittel ruckzuck in meinem Innern verschwinden lassen. Hm. Besorgt nehme ich anschließend noch den Gipfel mit, erkläre jedoch oben das Tagespensum für erfüllt. Runter per Seilbahn, Heimfahrt im Zug - das war eigentlich völlig anders geplant. Aber: "Es hat nicht sollen sein" (Dubioser Sportreporter-Sprech. Herkunft unklar).

Und jetzt bitte: Ein dunkles, kühles Plätzchen, an dem ich ein kühles Helles verzehren darf. Und gleich noch eins, Herr Ober. Danke. 



Tagesfazit: Immerhin. Ein Anfang. 

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