Mittwoch, 31. Mai 2017

Meuthen, Käßmann und rasierte Beine. 

Während ich gemessenen Abdrucks nach Schwabing rollere, meine Freundin an ihren heutigen Arbeitsplatz begleitend, geht mir die jüngste Kontroverse zwischen Margot Käßmann und der AfD nicht aus dem Kopf. Käßmann lernte ich mal bei einer Fernsehsendung kennen, und als wir anschließend im Auto Richtung Hotel fuhren, erklärte sie mir den spannenden Konflikt zwischen Hannoverscher und Oldenburgischer Landeskirche. Sie war mir sympathisch - ganz im Gegensatz zu Jörg Meuthen, den ich für einen etwas altbackenen Windbeutel halte. Windbeutel, weil er seine Qualitäten völlig überschätzt. Er ist weder ein klassischer Sympath, noch Stratege, und er ist auch nicht gut-bürgerlich, sonst käme er gar nicht darauf, den ollkamelligen Begriff "links-grün versifft" zu verwenden. Die Auseinandersetzungen in der baden-württembergischen Landtagsfraktion zeigen zudem seinen Mangel an Führungsqualität, wobei ich seine Befähigung als Wissenschaftler nicht in Abrede stellen möchte. Die wird er gewiss haben, abgesehen davon, dass mir ein Urteil gar nicht zusteht. Käßmanns theologische Qualitäten kann ich ebenfalls nicht beurteilen - ich kenne mich ja nicht einmal in meinem eigenen Glauben, diesem naiven, torsohaften Privatdialog mit dem lieben Gott, einigermaßen aus. 

Der tatsächliche Sachverhalt lässt sich leicht recherchieren, und das wohlfeile Missverständnis, aus dem die AfD Kapital zu schlagen versucht, entgeht niemandem ohne Mangelcheckung. 

Von der Diskussion um den "kleinen Arierparagrafen" mal ganz abgesehen, kenne ich übrigens kaum jemanden, der keine "nicht-deutschen" Vorfahren hat - meine Mutter zB hieß mit Mädchennamen Kaminski und entstammt einer polnisch-ostfriesischen Sippschaft. Ihr Opa war als Gastarbeiter am Bau Wilhelmshavens beteiligt und blieb anschließend in der Gegend. Väterlicherseits wiederum bin ich nicht nur "bio-deutsch", sondern, schlimmbesser: alle Vorfahren stammten aus Ellenstedt und umzu, seit Jahrhunderten. Übergroße Ohren und besonders kurze Beine waren die Folge. 

Als ich das "Tantris" passiere, denke ich an die etwas verkrampften Versuche der AfD, Käßmann als kranke Schnapsdrossel zu denunzieren. Das ist natürlich einfacher, als über unser deutsches Naturell nachzudenken. Übrigens ist das "Tantris", dieser historische Gourmettempel, im Meuthenschen Sinne versifft: Der Bauunternehmer Fritz Eichbauer ließ sein Traumlokal in den 60ern bauen, und der Auftrag an den Zürcher Architekten Prof. Justus Dahinden lautete: Der Bau soll "exotisch und fremd" wirken. 

Bald rollere ich am Reitstall im Englischen Garten vorbei. Las gerade heute morgen von einer Alpenüberquerung zu Pferd. Angeblich brauche man dafür eine südamerikanische Spezialrasse, und das Gepäck müsse per Auto von Etappenort zu Etappenort transportiert werden - wobei diese Etappen nicht sonderlich weit auseinander liegen: Sechs Tage sind für den Weg vom Ostallgäu zum Reschensee geplant. Da ist man ja zu Fuß deutlich schneller unterwegs, auch in gemessenem Wandertempo. Nein, eine Deutschland-Durchquerung zu Pferd erscheint mir da spannender. Und praktikabler auch. Müsste mit jeder gutmütigen Mähre machbar sein. Und Meuthen gefiele das sicher auch, wegen der stärkeren Akzentuierung des Nationalen. Ist jetzt schon ein Jahr her, dass ich letztmals ritt (siehe Lichtbild). 

Schnapsdrossel, Windbeutel, Tantris, Pferd: Langsam kriege ich Hunger. Ich geh' ma' Happahappa machen.

P.S.: Beine rasiert. Man wird als Mann ja immer wieder gefragt, warum. In diesem Jahr ist die Antwort einfach: Letzte Woche im Schlaflabor wurden an meinen Beinen Elektroden appliziert, und damit sich diese besser festkleben ließen, wurden mir zunächst Trapeze und Drachen in den Pelz gemäht. Diese Bewuchslöcher sahen deutlich bescheuerter aus alle denkbaren Teiltoupet-Lösungen. Oder eben eine Komplettrasur. 


Kommentare:

  1. Ich habe mal von einer jungen Dame gelesen, die regelmäßig mit ihrem Pferd nach Schweden (glaube ich) reiste, um das Land zu erreiten, sozusagen. Abends hat sie dann wild gezeltet. Saucool, muss ich sagen und tatsächlich mal eine Überlegung, es ihr gleichzutun. Ich müsste dazu allerdings erst einmal reiten lernen, wohingegen du da ja schon einen Schritt weiter bist und quasi direkt loslegen könntest :-)

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    1. Man muss ja gar nicht reiten. Vom Engländer Tim Moore wurde das schöne Buch "Zwei Esel auf dem Jakobsweg" geschrieben, in dem es um eine Wanderung in Begleitung eine äußerst neurotischen Esels geht.
      Als Reiter bin ich übrigens Anfänger. Aber ich bin sicher, dass man's auf einer langen Reise am besten lernen würde ;)

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  2. Oh my god Tim Moore! Während ich den "kleinen Arierparagrafen" trotz zunehmend monströser AfD Phantasien und damit einhergehender Beschäftigung mit dieser Gemeinschaft Andersdenkender erstmal googeln müsste, würde ich die Gelegenheit gern nutzen um auf seine "Gironimo" betitelte Italienreise aufmerksam zu machen! Nothing for ungood @Wigald Boning wenn ich den Raum hier benutze, um die Aufmerksamkeit auch weiteren Schreibweisen zuteil werden zu lassen!

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  3. Deutschland wurde schon von einer Gruppe Reitern zu Pferde durchquert, immer schön Feldwege und Natur entlang, wurde glaub ich auch mal als Doku im Fernsehen gezeigt. Ich weiß aber nicht mehr von wo nach wo bzw, welcher Sender das zeigte. War einer von den dritten, jedenfalls

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    1. Wahrscheinlich wurde Deutschland schon von vielen tausend Reitern durchquert - und kein einziger Sender war dabei. 😜

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