Freitag, 30. Juni 2017

Hätte hätte Stiefelette

Schietwetter. Gegen die Regenpeitsche im Gesicht helfe, so meinen wir, Rückwärtsgehen. Ok, grundsätzlich eine gute Idee, aber dafür tappt man häufiger in knöcheltiefe Pfützen. Fußfeucht hüpfen wir sodann im Kleinflugzeug nach Harlesiel, steigen in den Bus und schnattern schlimm, als wir Norden erreichen. In einem Traditionslokal in der Innenstadt benehmen wir uns daneben, indem wir unsere eisklumpigen Füße, eingewickelt in Schals, auf einer Sitzbank zu wärmen trachten. Dududu! Dafür ist Norden eine tolle Einkaufsstadt; ich erwerbe einen runtergesetzten Trainingsanzug von Erima und muss kaum noch frieren (außer an den Quanten). 15:25 Bus nach Norddeich, dann rauf aufs Schiff nach Juist. Ganz schön straff, so'ne Bädertournee. Hatte gedacht, man chillt in den Dünen, kriegt Sonnenbrände und Speckröllchen, aber, wie sagt man an der Oper? Hätte, hätte, Koloratursoubrette.


An Bord der Fähre zwei Jazzmusiker aus Ungarn. Einer ist 1600 km im Auto angereist, der andere saß 26 Stunden in der Bahn. Für ein paar Takte Edith Piaf in der Kurmuschel? Nein, sie bleiben zwei Wochen. Je ne regrette rien, aber beim nächsten Mal nehme ich mir mehr Zeit. 

Juist hat den Umriss eines gewaltsam gedehnten Dackels ohne Beine und Hundemarke. Weiterhin Dauerregen. Das wirkt sich positiv auf den Kartenverkauf aus. Im "Haus des Kurgastes" ist erfreulich viel los, und ich schwitze schlimm im Bühnenscheinwurf. Danke, lieber Trainingsanzug! Endlich wieder warm! 

Tagesnebenthema: Welche Alternativen gibt es sonst noch zur Steinbrückschen Fahrradkette, die mittlerweile doch arg gelängt ist? Schweinefette, Pferdewette, Christmette, Hansestädte...

Ich tippe dies morgens im Bett. Unglaublich leise, dieser gedehnte Dackel. Das Fenster ist auf, und man hört: nichts. 






Donnerstag, 29. Juni 2017

Auf der schiefen Bahn

Aus der Reihe "Der besondere Radweg" zeige ich heute ein Bild der Strecke nach Harlesiel. Vorm Deich, mit Dauerneigung. Fühlt sich an, als läge man allzeit in'ner Kurve, wie beim Bahnradfahren, allein: Es geht immer geradeaus. Nicht auszudenken, wenn man ausschließlich hier führe - wie ungleich sich die Reifenmäntel abnutzten; links hui, rechts pfui. 

Zuvor, an Bord der Langeoog-Fähre, koste ich erstmals weiße Trinkschokolade (himmlisch!), und halte mit der Kioskfachkraft übereinstimmend fest, um wie vieles komplizierter doch das Leben geworden ist. Früher, sagt er, gab es nur Kaffee und Bier. Und heute? Ach, geh mir los...

Auch einen neuen Buchstaben gibt es seit heute: das große ß. Endlich! Die weiße Trinkschokolade unter den Buchstaben. Willkommen auf der Welt, Du Riesenbaby! 

In Wangerooge ist der kleine Kursaal ausverkauft, aber die Technik muckt. Die Fernbedienung, mit der ich die Bilder weiterklicke, reicht nicht bis zum Laptop. Au Backe. Gut, dass Teresa sich an den Klapprechner setzt; sie kennt den Vortrag und übernimmt. Später fällt der Ton aus, schließlich auch der Laserpointer, und ich arbeite großgestisch. Das Publikum amüsiert sich prächtig. Nichts hat höheren Unterhaltungswert als Stromausfall, Wannacry etc. Im Publikum sitzen auch meine Eltern. Papa hat den Einkaufszettelvortrag noch nie gehört. Ich weiß, dass er mit seinen ollen Augen nicht viel sehen kann, aber es scheint ihm trotzdem Spaß zu machen. Klar; Schwachsichtigkeit gehört ja im Grunde auch zu diesen Defekten, die so'nen Abend lustiger machen. Großes Hallo, als ich meinen minimalistischen Wangerooger Zettel präsentiere (Jever + Espresso). Ja, Kaffee und Bier. Mehr braucht man nicht in einem nasskalten Inselwinter. 

Wangerooge ist meine Lieblingsinsel. Hier war ich schon oft, von Kindheit an. Die Proportionen stimmen, die Landschaft ist arkadisch, und Es! Gibt! Keine! Autos! Hier würde ich eines Tages gerne wohnen, seufze ich mit Blick auf die beleuchteten Containerschiffe am nächtlichen Horizont. Geht aber wohl erst, wenn ich nicht mehr als vortragsreisender Defekthascher die Welt durchmesse (und das könnte noch ein Weilchen dauern). 


Skandal! 

Auf Langeoog gibt's Dünensingen! Was da wohl erklingt (Tacitus schrieb ja "Frisia non cantat"). Na wartet, das finde ich heraus...

Erstmal kurze Führung. Ein Junge baute zwischen seinem 11. und 21. Lebensjahr die komplette Insel aus Lego nach, ganz alleine, und das Ergebnis ist heute eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Insel. Der Tourismus-Chef zeigt mir auch das Müll-Museum, eine Ausstellung rund um das Thema Plastik im Meer. Wie's denn grundsätzlich um den Tourismus bestellt sei? Ganz hervorragend, antwortet er, durch den Terror anderswo kämen immer mehr Leute an die Nordsee. Heute sei ganzjährig Saison. Das Hauptproblem seien die hässlichen Bauten aus den 60er Jahren, die jetzt alle saniert werden müssen. "Jedenfalls ist Langeoog der berühmteste Strand der Welt" sagt er stolz. Warum? "Na wegen der 1 Mio. Überraschungseier, die unlängst nach der Havarie eines Containers an den Strand gespült wurden". Nix von gehört. "Echt nicht? Ischa'n Ding!"

Nachdem ich durch prasselnden Regen von Norddeich nach Bensersiel geradelt bin, komme ich bereits müde auf dem Eiland an, welches durch sein sedierendes Naturell alles und jeden umgehend einschläfert, hätte ich fast geschrieben, nein, einnicken lässt. Zudem habe ich auf der Fähre per Telefon Vorgespräche für Fernsehauftritte geführt, eine für mich grundsätzlich verzichtbare Tätigkeit. Das ganze Elend des deutschen Fernsehens entspringt dieser Unsitte. Vor der Kamera wird immer nur das Konzentrat dieser Telefonate rekapituliert, was zwangsläufig in die totale Ödnis führt, einschläfernd im schlechten Sinne, während Langeoog wirkt wie ein frisch gemachtes Bett - man will sich sofort reinlegen und genüsslich glucksen. Langeoog ist sozusagen das Deutsche Fernsehen in gut. 

Der Saal, in dem ich nach meinem kapitalen Nachmittagsschlaf auftrete, ist gut gefüllt, die Stimmung prächtig. Als Zugabe überreicht mir eine Kassiererin von der Insel zwei Zettel, gefunden am Arbeitsplatz. Auf dem einen steht:

Steht da tatsächlich "Frau"? Nun ja, wahrscheinlich eher "Grau", aber dennoch ist der Zettel eine Preziose; die Schrift ist angenehm alt, und "Brot Grau" sowie "Creme Zahn" verraten eine interessante Neigung zur Inversion. Eh ich jetzt den Weg Rück antrete, schau ich noch beim Turm Leucht vorbei, um einen Blick Panorama zu erhaschen. 

Der zweite Zettel ist vorderseitig nicht so spannend, aber dafür die Rückseite umso mehr: 


Noch Fragen? 




Mittwoch, 28. Juni 2017

Ehe für Aale


Was kümmert sich der Staat eigentlich um die Heiraterei? Die Ehe steht unter dem Schutz des Grundgesetzes, ja, aber warum? Mir leuchtet sofort ein, dass Kinder ein besonderes Schutzbedürfnis haben und jene steuerlich und sonstwie entlastet werden sollten, die sich entschließen, Verantwortung für Kinder zu übernehmen. Aber die gemeine Double-Income-No-Kids-Liaison? Was ist daran schutzwürdig? Kann man das heilige Sakrament der Ehe nicht einfach den Kirchen überlassen bzw. Heiratswilligen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, einen zivilrechtlichen Mustervertrag anbieten, ähnlich einem Mietvertrag? Bonus-Plus: Ein solcher Vertrag könnte bei Bedarf gekündigt werden, zumal, wenn man einen akzeptablen Nachmieter präsentiert, oder aber er verlängert sich "bis dass der Tod euch scheidet". Schließt also die Standesämter und macht Kitas draus - das ist, weiß Gott, wichtiger.


Mein Notgürtel ist fertig. Bin ziemlich sicher, dass dieses Modell Avantgarde ist; irgendetwas sinnvolles muss mit dem Müll, den wir in die Meere geworfen haben, ja passieren. Einsammeln und zu Kleidung verarbeiten. Vielleicht kann man auch Möbel draus basteln, Perücken, Prothesen, Hängematten, Häuser, Straßen, Städte bauen. Eines Tages werden wir alle in alten Fischernetzen leben, und die Aale sagen Dankeschön. 

Zum Conversationshaus, in dem ich gestern auftrat, steht der Gürtel in denkbar scharfem Kontrast. Voll etepetete, der Schuppen. Auf der Bühne steht ein wuchtiger Konzertflügel, und draußen auf der Terrasse plündern ebenso wuchtige Raubmöwen die Teller der Kurgäste. Was mir überhaupt nicht einleuchtet: Warum man hier mit'm Auto fährt. Der "Unique Selling Point" der Ostfriesischen Inseln ist doch gerade die Autofreiheit; die frohe Botschaft, dass es ein Paradies auf Erden gibt, nämlich hier - ruhig, archaisch und friedlich - wird durchs Brummbrumm doch komplett unglaubwürdig. Zudem ist das Eiland im Auto doch binnen Minuten durchmessen - selbst auf dem Rad habe ich ruckzuck alles gesehen. Seltsam. Der Baltrumer Bürgermeister nebenan denkt in die andere Richtung. Er möchte sogar mit "Zonen ohne Handyempfang" werben. Ihm, da bin ich mir sicher, gehört die Zukunft. 


Nach dem Auftritt wurde ich für mein zusammengeklapptes Birdy gelobt. "Das ist aber ein schicker Rollator!" meinte eine ältere Dame, und eine andere sagte, ich würde sie mit meiner neuen Brille an Alexander Dobrindt erinnern. Hm. Unklar, ob ich mich über diese Komplimente freuen soll. Besser wäre natürlich eine Brille aus Plastikmüll. Oder aus Fischbein.

Heute ist Regenwetter, und vor mir liegt eine Radtour von Norddeich nach Bensersiel, immer am Deich entlang. Diese Zeilen schreibe ich noch im Trockenen, nämlich im "Salon" der Fähre von Norderney zum Festland. Es ist 9:30, und ich hätte nicht übel Lust auf einen Grog. Oder einen Pharisäer. Das passt besser zum Ehe-Thema. Ich frag mal, ob's hier sowas gibt.


Dienstag, 27. Juni 2017

Brief von der Borkum-Fäare

Die Fähre, die Emden mit Borkum verbindet, kommt mir ziemlich groß vor. Fünf Decks voller Autos und Schulkinder, die mit ihren Daddelphones sämtliche Steckdosen besetzt halten. Die Klügeren schreiben per WhatsApp an die Lieben daheim. Zwei Mittelstufler am Nebentisch. Schüler 1: Wie schreibt man Fähre? Vau-E-Er-E? Oder so wie Ehre?"  Schüler 2: "Keine Ahnung. Frag mal besser den Lehrer". Schüler 1 (kräht): "Herr Schulte, wie schreibt man Fähre?" Lehrer: "Eff-Ä-Ha-Er-E" Aber der Lehrer ist zu weit weg, die Akustik schlecht. Schüler wundert sich. "Eff-Ä-A-Er-E? Ist ja komisch. Naja, der Deutschlehrer wird's wissen". Und Schüler tippt. 

Wir passieren passable Großfrachter, wohl für den Autotransport, und ich schmökere unter Deck in der Borkumer Zeitung, die mit der Geschichte einer Brieffreundschaft zwischen einer Borkumerin und Karl May aufmacht. Breaking News! 


Unter den Erwachsenen an Bord viele Ruhrpöttler, manche im bezauberndsten Sinne weltfremd. Als ich mir an einem "WMF-Bistro" Kaffeeautomaten einen Cappuccino besorge, indem ich einen einzigen Knopf drücke, äussert eine alte Dame neben mir ihr Erstaunen: "Wie, das kommt da schon fertig gemischt ausse Maschine?" Ich nicke und wundere mich. Gibt's denn solche Maschinen nicht zwischen Duisburg und Dortmund? Die Dame schüttelt entschlossen mit dem Kopf. "Nee, sowat haben wir nicht". 

Die "Kulturinsel" hat 500 Plätze, die Empore nicht inkludiert. Das Gebäude ist 40 Jahre alt und atmet den Charme der Hitparade. Am Bühneneingang findet sich eine beeindruckende Sammlung der Plakate aller Künstler, die hier aufgetreten sind. Los gehts mit: 


Vor meinem Auftritt checke ich ein. Das Hotel Atlantik besticht durch volle Bücherregale auf den Fluren; Generationen von Urlaubern haben ihre Ferienlektüre dagelassen, von John Steinbeck über Konrad Lorenz, Lore-Romane und die Bibel. Bukowski schlage ich zwanghaft auf, komme aber natürlich nicht zum Lesen, klar. 

Borkum wirkt ziemlich städtisch; nicht umsonst sage ich manchmal aus Versehen "Bochum". Mondän ist hier nichts, idyllisch nur wenig. Am Horizont stehen Ölbohrplattformen. Aber vielleicht ist auch nur meine Brille schmutzig. 

Wohnt hier nicht neuerdings Altkanzler Schröder? Ich male mir aus, wie er seine Seele in einer der Klinkerburgen baumeln lässt, auf die Ölbohrplattform blickt und über Rohstoffgeschäfte nachdenkt. Seine Brille ist gewiss sauberer als meine, vermute ich. Dann male ich mir aus, wie es wäre, selber hier zu wohnen, oder selber Altkanzler zu sein. Auf meiner Visitenkarte steht ja lediglich "Shetlandpony a.D." Nein, Bochum ist toll. Aber hier wohnen? Nicht unbedingt. 

Am Morgen nach dem Auftritt gehe ich barfuß am Strand spazieren, sammle Schnüre von zerrissenen Fischernetzen, um mir daraus einen Notgürtel zu fertigen (Hose ist zu groß). Auf dem Rückweg durch die Dünen entdecke ich dann doch noch ein wunderbares Bauwerk: einen gelblicher Kleinkegel, dessen Baumaterial zwischen zwei Pflastersteinen himmelwärts gebuckelt wurde. Bewohner sind nicht zu sehen. Ist vielleicht eine Ferienwohnung, die gerade leer steht: 


Jetzt auf Fähre zurück nach Emden, von dort per Rad nach Norden-Norddeich und weiter nach Norderney. Und wenn mich meine Dispo nicht trügt, sollte ich gleich hier und jetzt Mittagessen; nachher muss alles ganz schnell gehen. Also Saven und ran an die Theke. Es gibt Krabbenburger! 



Montag, 26. Juni 2017

Ich bin Oldenburger! 

Mit dem Birdy morgens bei meinen Eltern los, am Oldenburgischen Staatsministerium vorbei zur Uni, dann an den Bahngleisen nach Bad Zwischenahn. Von dort weiter nach Apen und Augustfehn. Einkehr bei fidelen Bäckerinnen. Eine kriegt nächste Woche eine neue Hüfte, mit "Spirale", damit sie besser wirbeln kann. Butterkuchen wie früher. Staatsgrenze (Bild). Ich glaube ja nicht an diese "BRD GmbH", genau so wenig wie an dieses sogenannte "Deutsche Reich", das doch auch nur durch Foulspiel möglich wurde, weil nämlich Bayerns Ludwig II. Zahnschmerzen hatte und zudem pleite war - eine blöde Kombi, fürwahr. Nein, ich bin und bleibe Oldenburger. Hinterm Schlagbaum beginnt sogleich exotische Fremde, nämlich die Weite Ostfrieslands. Am Jümmedeich steife Brise von vorn. Leider keine Zeit für die Kurbelfähre - hätte mich auch gerne mal übergekurbelt. In Leer dafür Bummel durch die Altstadt. Die Mennonitenkirche. Menno Simons faszinierte mich schon immer. Radikaltaufe, Bildersturm - auf solche Ideen kommt man hier eher als anderswo; der Schnickschnack passt nicht ins Konzept der totalen Leer(e). Also weg damit! Auch lustig: "Auktionshaus Leer" - das erinnert mich an den Saxophonisten Jack Wright aus Philly. Der konnte etwas Deutsch, und als er KIXX 1984 besuchte, lachte er sich über diesen Stadtnamen mehrfach kaputt. In Leer Umstieg in den Zug nach Emden-Außenhafen. Draußen rotieren die Räder. Kühe in Halbtrauer. Darüber Wolkenschiffe, gefüllt mit atlantischem Dampf. 


Sonntag, 25. Juni 2017

Pack die Badehose ein...

...und den Einkaufszettelvortrag, und dann nüscht wie raus zur Nordsee. Bädertournee - sowas wollte ich immer schon mal machen. Hoëcker hat's vorgemacht, und jetzt bin ich dran, nach zwei Jahren Planung. Endlich lerne ich (fast) alle Ostfriesischen Inseln kennen - als Oldenburger fährt man normalerweise immer nur nach Wangerooge, da dieses Eiland früher zum Großherzogtum gehörte und sich darum alle Schullandheime etc. dort befinden. Morgen gehts auf Borkum los, danach folgt Norderney, Mittwoch Langeoog, weiter weiß ich nicht auswendig. 

Gestern erst noch beim Münchener Filmfest vorbeigeschaut. "Die Freibadclique" von Friedemann Fromm. Über eine eben solche, die Ende 44 an den Westwall geschickt wird. Toll talentierte Teenager im Cast, aber die Story (Romanvorlage von Oliver Stortz) ist nicht leicht zu verfilmen: Nach zwei Drittel Kriegsfilm kommt ein Drittel Schieberkrimi mit Liebeswirren. Auf das Deutsche Drama (mein Onkel Andreas dürfte ähnlich gestorben sein wie das erste Opfer im Film) folgen individuelle Schicksale, und die Kraft lässt nach. 

Warum ausgerechnet dieser Film? Weil er zum Tag passte. Wir besuchten nämlich gestern morgen vor meiner Wankbesteigung die Wallfahrtskirche St. Anton in Partenkirchen, und vorm Eingang hängen kleine Holztäfelchen mit den Namen Gefallener, oft plus Photo. "In Gedenken an meinen lieben Sohn..." steht drüber, Lebensdaten und Sterbeort. Ich schritt die Holztäfelchen ab, der Kloß im Hals wurde groß und größer, und als ich an eine Tafel kam, auf der an gleich vier Brüder erinnert wurde, zwei davon Zwillinge, alle Anfang zwanzig, musste ich weinen. Hatte bisher immer gemeint, dass nach zwei gefallenen Söhnen der Rest von der Front abgezogen worden war. 

Ich heiße mit zweitem Namen Andreas, so wie mein Onkel. Er galt bis 1980 (?) als vermisst, erst dann wurden auf einem Acker in der Eifel seine Knochen nebst Erkennungsmarke gefunden. Mein Opa hoffte bis zu seinem Tod, dass Andreas eines Tages lebend aufkreuzen würde, und ich kann mich noch an die regelmäßigen Infobriefe vom Suchdienst des DRK erinnern. 

Höre ich EU-Verächtern zu, erwacht Andreas Boning in mir, und es ist Andreas, der durch meinen Mund antwortet. 

Samstag, 24. Juni 2017

Lamm und Lügenpresse

Bei dieser Apotheken-Deko fällt mir ein, dass ich mit sieben Jahren im "Urlaub auf dem Bauernhof" war, Ostern 1974, im Teutoburger Wald. Außer der Familie Boning waren noch andere Kinder zugegen, fünf an der Zahl. Mit Clemens, einem pummeligen Hornbrillenträger, freundete ich mich aufs engste an, so eng, dass ich die ganze Heimfahrt über trennungsschmerzgebeutelt weinte.

Erzählen möchte ich jedoch etwas ganz anderes: Am Gründonnerstag gebar ein Schaf des Ferienbauern Sechslinge, was auch unter Schafen eine außergewöhnliche Sache ist - so außergewöhnlich, dass die Lokalzeitung einen Reporter schickte, um wohlwollend über das wollige Glück zu berichten. 

Sechs frisch geborene Lämmer zu fotografieren, ist gar nicht so leicht. Der Reporter, offenbar ein Fuchs, sah uns sechs Kinder, kombinierte schlau und entwickelte folgende Bildidee: Jedes Ferienkind nimmt ein Lamm auf den Arm. Eines der Lämmer war besonders zart und schwach und wurde dem kleinsten der Kinder zugeteilt - also mir. 

Während der Reporter uns positionierte, starb "mein" Lamm. Oh weh; erst war die Aufregung groß, dann machte sich tiefe Trauer breit. 

Trauernde Kinder überm Knick hielt der Reporter jedoch für keine Zierde seiner Osterausgabe, und er mochte auf die Sechslings-Sensation keinesfalls verzichten. Also drückte er mir den Leichnam des zierlichen Tieres in die Arme, forderte mich auf, das Köpfchen unauffällig abzustützen, wischte meine Tränen ab, stellte mich zwischen die anderen Kinder und rief ein lautes "Cheese". Auf dem Bild, das so entstand, sieht das Lamm zwar ziemlich müde aus, nicht aber tot. Und ich lächelte etwas gequält, aber: ich lächelte. 

Neulich, für die Vorbereitung meines Auftritts bei Pilawas "Quiz der Supertiere", fragte mich ein Redakteur nach einem persönlichen Erlebnis mit Tieren, das ich zum Besten geben könnte. Ja, ich hätte da eine Anekdote...

Erzählt habe ich dann aber doch etwas anderes. Harmlos und vor allem kürzer. Vorabendlich-supertierisch eben. Mit dem Lügenlammlamento warte ich bis zum "Quiz der toten Tiere" - irgendwann kommt gewiss auch dies. 

Die Apotheken-Deko befindet sich in Garmisch-Partenkirchen; an Ostern '74 denkend, stiefele ich hinauf auf den panoramastarken Wank, drei sehr langsame Schulklassen mühsam überholend. Oben, an der Wand des Wankhauses, finde ich ein Thermometer mit Delial-Werbung, typisch für eben diese Epoche, die sonnengeilen Siebziger. 

Was wohl aus Clemens geworden ist? 



Freitag, 23. Juni 2017

In eisigen Höhen

Oh holde Kunst - mit diesen Worten beginnt Schuberts "An die Musik", unser erstes Lied im öffentlichen Vortrag, angestimmt abends um neun mit weit geöffnetem Fenster. Teresas Stimme füllt die Straße, kollidiert mit den vorbeirauschenden PKW, und ich kose möglichst behutsam die dazugehörigen Klaviertasten. Zunächst ist der Gehsteig unterm Fenster menschenleer, aber bald nähern sich Passanten, die neugierig stehen bleiben und lauschen. Einer unserer Nachbarn, ein erklärter Klassik-Fan, eilt aus dem Haus und feuert an. Mit ruhigen Atemzügen versuche ich meine Aufregung zu bekämpfen, was aber kaum gelingt. Immer wieder patze ich, und jeder Patzer füttert die Neigung, mit den Fingern zu zittern und danebenzugreifen. So könnte sich Goethe gefühlt haben, als er das Straßburger Münster erklomm, und bei Schuberts "Liebhaber in allen Gestalten", dessen Text ja von Goethe ist, versagen meine Hände völlig; ich scheue wie ein Höhenängstling an der Schlüsselstelle - nichts geht mehr. Anderes Stück, neues Glück. "Die Lotusblume" von Schumann. Das ist schön leicht, ich kann's sicher, bin wieder im Tritt. Auch "Träume" von Richard Wagner gelingt fehlerfrei, "Der Nussbaum" gar nicht schlecht. Auf dem Gehsteig steht nun eine ganze Gruppe; unser Nachbar hat sich einen Klappstuhl geholt und setzt sich drauf. Ein Flaneur fragt nach italienischen Arien. "Il bacio" von Arditi gelingt erst im zweiten Anlauf, der Versuch, Brahms' "Vergebliches Ständchen" konfusionsfrei darzubieten, ist vorerst, äh, vergeblich. Ein überlautes Motorrad prescht vorbei. Schweiß tropft auf die Tastatur. "Bravo!" und "Zugabe" knattert das Motorrad. Langsam erkenne ich unsere musikalische Konzeption: "Die sehr gute Sängerin und der extrem aufgeregte Pianist". Sollte man genau so auf die Plakate drucken, aber wir haben ja nur unseren Lettern-Leuchtkasten, leider ohne Zahlen, sonst könnte man eine Anfangszeit festlegen. Fürs nächste Mal gibt es also noch einiges zu optimieren. Die Opernfreunde bitten um Visitenkarten. Sowas haben wir nicht. Ein 10-€-Schein flattert durchs Fenster, dann noch ein Fünfer. Wow. Kein ganz schlechtes Salär für 30 Minuten Konzert - klar über Mindestlohn. Anschließend bin ich fix und fertig. Mein erster Auftritt als Pianist nach 39 Jahren. Verbeugen, Händeschütteln, Fenster zu. Nein, etwas aufregenderes habe ich kaum je erlebt. Und überlebt. Oh holde Kunst, ich danke dir dafür. 

Donnerstag, 22. Juni 2017

Fensterkonzert today


TODAY nur, weil keine zwei E mehr da waren, notwendig für ein deutsches HEUTE. Aber neulich musizierten wir bereits bei geöffnetem Fenster, und zwei amerikanische Touristen hörten zu. Ist ja eine ziemlich internationale Gegend, hier am Isartor. Da darf man auch schon mal worldwide announcen. 

Die Sache ist die: Mein persönliches Ziel ist es, mit Teresa eines Tages in der Mehrzweckhalle in Scalloway zu konzertieren, auf den Shetlandinseln, wo ich als ehemaliges Shetlandpony ja hingehöre. Dafür sind jedoch mehrere Zwischenschritte nötig. Meine Motivation ist groß; Teresa begleiten zu dürfen, ist ein zartes Privileg, aber mein Selbstvertrauen als Pianist ist ebenso zart, Folge meines missglückten Klavierunterrichts als Kind. Ich ging widerwillig zu Frau Sandfort, deren aggressiver Yorkshire-Terrier mir den Angstschweiß auf die Stirn trieb. Ich übte ungern und kannte nach sechs Jahren Etüden alle Arten, die Eieruhr zu manipulieren, Indikator meines täglichen 30-minütigen Paukpensums. Ihren Abschluss fand meine Pianistenlaufbahn bei einem Schülerkonzert. Ich sollte "Der Kobold" vorspielen, ein Zwölftonstück für Kinder von Erich Böhlke, dem Mentor meiner Lehrererin. Ich hatte das Stück nicht im Ansatz begriffen (wer checkt schon Dodekaphonie mit 11), und mein Lampenfieber war übermächtig. Ich wankte auf die Bühne, spielte den ersten Akkord. Filmriss. Schwer atmend meinte ich, den letzten Akkord gespielt zu haben, stand auf, verbeugte mich linkisch und trottete von der Bühne. Niemand in der mit Eltern vollbesetzten Schulaula klatschte - außer meiner Mama. Ende einer Karriere. 

Ende? Nein, jetzt geht's erst los. Und um mich behutsam bühnenfest zu machen, beginnen wir mit Fensterkonzerten. Alles wie bei intimer Hausmusik, nur eben mit geöffnetem Fenster. Möglich ist dies, seitdem Robertos Klavier, das ich als Leihgabe beklimpern darf, direkt neben dem Fenster steht. Premiere war bereits Anfang Mai: Nebenan hatte ein Rauchmelder gesummt, und die Feuerwehr reiste mit schwerem Gerät an. Das laute Tatütata spornte uns an, zur innenstädtischen Beschallung unseren Beitrag zu leisten, was sich angenehm verwegen anfühlte. Und weil es sich um falschen Alarm handelte, war die Stimmung gelöst, passend zu Schuberts "Seligkeit". Sofort war klar: Diese Idee ist bonfortionös. 

Also: Heute wieder Fensterkonzert, mit Liedern von Schubert, Schumann und Wagner. Am Abend. 

Mittwoch, 21. Juni 2017

Kau, schau, wem

Wie lange ich schon Nägel kaue? Wahrscheinlich, seitdem ich nicht mehr am Daumen nuckele, und dies endete abrupt in einer Unterrichtsstunde der ersten Klasse. Frau Uster adressierte mich, den verträumten Hänfling, mit einem empörten "Wigald! Du lutscht doch nicht etwa am Daumen?" Ich zog erschrocken den Finger aus dem Mund, errötete stumm und nuckelte nie wieder. 

Die ersten Hornknabbereien, an die ich mich erinnern kann, hängen mit meinem 10. Geburtstag zusammen. Die Party daheim in Zickzackhausen verlief womöglich nicht, wie ich sie mir vorgestellt hatte; ich bekämpfte meinen Gastgeberfrust mit enerviertem Kauen, und später haute ich mit der mundmanikürten Pranke auf den Tisch und bat lauthals um Ruhe. Warum? Wahrscheinlich hatte ich mich unbeachtet gefühlt, es war ein Hau nach Liebe, und Facebook gab es ja damals noch nicht - Aufmerksamkeit musste man sich reell erarbeiten, zB durch Blut, Schweiß oder Tränen. 

Seither kaute ich immer, auch in wenig nervositätsgeprägten Daseinsepochen, einfach so, als Oralstimulanz, als Zeitvertreib, als Chipsletten-Substitut. 

Einmal war ich in Hamburg zu einem Casting eingeladen, für einen Werbespot, der ein österreichisches Tomatenketchup der Marke "Felix" schmackhaft machen sollte. Ich dürfte etwa 22 gewesen sein, nahm siegessicher am Tisch mit der zu bewerbenden Flasche Platz, griff vor laufender Kamera nach der Ketchupquetsche und hörte sogleich die Stimme des Reklame-Regisseurs: "Nägelkauer nehmen wir nicht. Der nächste bitte!" Nun könnte man meinen, dass man nach einem derartigen Vorfall die Nagelpflegemethoden hinterfragt, bei mir jedoch verursachte der Tag lediglich Trotz, ausserdem einen gewissen Unwillen, sich fürderhin auf Castings zu präsentieren: Nie wieder war ich bei einer solchen Veranstaltung, und "Felix" habe ich mir auch später niemals auf die Pommes gequetscht, klar. Allerdings gelang es mir im Erwachsenenzeitalter immer besser, die Nägel dergestalt zu bezähneln, dass das Ergebnis nicht ungepflegt aussah - von gelegentlichen Ausrutschern abgesehen, etwa dann, wenn mir das seitlich angrenzende Nagelbett versehentlich zwischen die Beißer geriet und aufgerissen wurde wie eine Chipstüte. 

Circa fünfmal habe ich Versuche unternommen, meine Sucht loszuwerden, immer unter Zuhilfenahme des klassischen "Stop and Grow"-Nagellacks, der per Bitterstoff dem Hornhungrigen klarmacht, was von seinem Appetit zu halten ist. Der Erfolg tritt zuverlässig ein, allerdings liegt die Rückfallquote in meinem Fall bei glatten 100%. Doch so wie Sisyphus immer wieder sein Stein den Berg hinabrollte, so beschäftige ich mich lebenslang mit meinen Nägeln, und zwar mündlich, mal resigniert, mal fiebrig-flamboyant. Sisyphus wird von Camus als glücklicher Mensch beschrieben, und so sitze auch ich lächelnd am Küchentisch; es ist kurz nach vier am längsten Tag des Jahres, und ich habe mir den bitteren Lack auf die Klauen gepinselt. Noch ein Kaffee, dann gehe ich laufen. Die Vögel piepsen schon. 

Montag, 19. Juni 2017

Wandertag mit Stroh, Kohl und Linda de Mol. 

In Leguanos. Und fühle mich damit im Hochgebirge wie die Oulipo-Autoren, die sich immer ein Handycap ausdachten, um die Schreiberei nicht allzu leicht werden zu lassen. Georges Perec etwa, der Anton Foyl erfand, den dicken Roman ohne ein einziges E, und, fast noch besser: in der deutschen Übersetzung gibt's auch keins. Also Wecker um 5, los in Lenggries um 7:20, rauf zum Brauneck, und dann rüber zum Latschenkopf. Von da über den "schweren" Weg (Via Alpina) zur Benediktenwand. Reißerisch-boulevardesker Rundumblick. Geht schon, mit den Dünnschuhen, aber deutlich langsamer als mit Mainstream-Mauken. Ach ja, aufm Kopp trage ich die neue Kreissäge. Schweres Stroh, zumal, wenn es sich mit Schweiß vollsaugt. 

Beim Abstieg zur Tutzinger Hütte gehen mir immer wieder die vielen Kohl-Nachrufe durch den Kopf, und der Spruch "de mortuis nil nisi bene". Warum eigentlich soll man über Tote nur gutes sagen? Ein Facebooker schreibt: "Über Hitler redet man ja auch schlecht". Ein anderer lobt die Jahre unter Brandt und Schmidt als "bunt", findet an Kohl jedoch alles bleiern und oam. Naja; den deutschen Herbst habe ich erlebt, von Mescalero bis Mogadischu; zwischen Brandts und Schmidts Ären gab's doch gewisse Unterschiede. Aber ist eine Weltsicht erstmal in Beton gegossen, gibt's nicht mehr viel zu diskutieren. Wo bin ich? Ach ja, Tutzinger Hütte. Im Wald gerate ich in einen Almauftrieb. Panische, genervte Kühe. Barfuß-Läufer halt, und der Wegschutt ist grob. Nach 25 km erreiche ich Benediktbeuren und ziehe die Schluppen aus. Aua, ist der Asphalt heiß. Ich tunke die Haxen in einen Bach und zähle bis 💯. Ob 🍐Emoticons mochte? Kannte? Hatte Kohl einen Strohhut? Stroh und Kohl ähnelt sich phonetisch, wie mir soheben auffällt, und ich erwäge, bis nach Ohlstadt weiterzuwandern, wegen der Kohnsequenz, oh Wanderlust, begleite mich! Jedoch fallen mir kaum Reime ein, nur L. de Mol - Das war's dann wohl. Jetzt 🚂.


Sonntag, 18. Juni 2017

SUP statt SUV

Klingt wie einer dieser sogenannten Sponti-Sprüche, die früher von sogenannten Freaks an Klotüren geeddingt wurden und in Taschenbüchern gesammelt den Eichborn-Verlag groß und stark gemacht haben (später erfuhr ich, dass die allermeisten dieser Sprüche von Jacky Dreksler erfunden wurden, dem hochverehrten Produzenten von "RTL-Samstag Nacht"). Worauf ich eigentlich hinaus will? Gestern war ich am wunderschönen Wörthsee und bestieg erstmals ein, tja, wie sagt man eigentlich? Ein SUP ist ja nur die Abkürzung des Infinitivs der Tätigkeit, also des Stehauf-Paddelns, während das diesem zugrundeliegende Brett eben lediglich Brett heißt, oder anglizistisch "Board"; man ist "on board", und wenn man dort bleibt, ist alles SUPi, was mir im ersten Anlauf gelang: Ich ging kein einziges Mal von Board, bin ein echtes Stehaufmännchen. Was heißt "SUV"? Special Utility Vehikel, stimmt's? Ein niedersächsischer Spitzenpolitiker wollte mir mal ein solches andrehen, für umme. "Mit'm Touareq kann man sogar Treppen befahren!" Ich antwortete perplex, dass ich nur selten auf Treppen unterwegs sei, auf der A96 gäbe es gar keine, und später erfuhr ich, dass es unter niedersächsischen Regierungsmitgliedern durchaus üblich sei, Kraftfahrzeuge zu verteilen - das läge in der Macht eines jeden VW-Aufsichtsrates, der man als Staatsmann von der Leine eben sei. Wer weiß, ob ich nicht schwach geworden wäre, hätte der Potentat mir ein Board angeboten? Nach dem gestrigen Test kann ich sagen: Während ich SUVs nebst Fahrer von Herzen belächele, finde ich SUPis gar nicht so schlecht. Könnte mir glatt vorstellen, damit eines Tages den Bodensee zu durchqueren. Oder die Leine, längs. Oder den Pazifik. Und sollte ich eines Tages VW-Aufsichtsrat werden, werde ich mich für eine Produktionsumstellung einsetzen: Drahtesel statt Diesel, Muckis statt Motoren, SUP statt SUV. Geschenkt. 

Samstag, 17. Juni 2017

Der Auftrag lautet: Das Vertrauen darf nicht enttäuscht werden.

Kohl. Als er Kanzler wurde, war ich fünfzehn, hätte mich selber eher "links" genannt und stimmte sogleich ein in den Chor derer, die sich für schlauer hielten und Kohl für einen biederen Einfaltspinsel. Es war die Zeit des NATO-Doppelbeschlusses, die Schülerschaft der Cäcilienschule ging geschlossen zur Demo, mit Ok der Schulleitung, und die wenigsten durchdachten wenigstens einmal ernsthaft die Argumente der Gegenseite. Genscher galt folglich als Verräter, die "geistig-moralische Wende" als Irrweg, Verheugen als Held. 

In den weiteren 80ern kümmerte ich mich immer weniger um Politik, bis zur großen DDR-Tournee 1987. Dort waren wir Westler gezwungen, über die Grundlagen nachzudenken. Was ist eine Demokratie, welche Folgen hat die Diktatur? Auf welcher Seite stehst Du? Umringt von Stasi rund um die Uhr wurde ich zum überzeugten Anhänger der "freiheitlich-demokratischen Grundordnung", und alles, was passierte, nachdem Ungarn im Sommer 89 den Grenzzaun öffnete, erfüllte mich mit prickelndem Glücksgefühl. Kohl schuf in dieser Phase sein Meisterstück, indem er die deutsche mit der europäischen Einheit kombinierte. Besser als Bismarck, viel besser. Kohl ist wahrscheinlich der größte deutsche Politiker überhaupt, und es fühlt sich nicht einmal seltsam an, dies so zu sagen. 

Was Europa angeht, wird er mich auch weiterhin inspirieren. Er gehörte zu jenen, die Schlagbäume zersägten, oder die er mit seinem Gewicht zerbrach, einfach durch Draufsetzen, buchstäblich, als Jugendlicher, und zwar ohne Zustimmung der Schulleitung. Er hat für seine Überzeugung mehr in die Waagschale gelegt als ich bislang. Aber ich kann ja aufholen; es ist noch Zeit. 

Ich persönlich habe durch Kohl aber auch gelernt, wie falsch es sein kann, einen Menschen nach seinem ersten Eindruck zu beurteilen, nach seiner vermeintlich provinziellen Redeweise. 

Vorletztes Jahr bin ich in Landau aufgetreten, in der Pfalz, und ich habe mir im Lokal einen Pfälzer Saumagen bestellt. Nichts spektakuläres, schmeckt wie Bratwurst. Ein "ehrliches", unprätentiöses Essen. Ich stellte mir vor, wie Mitterand das Mahl gemundet haben mag. Dessen Zustimmung zur deutschen Einheit gab es nicht umsonst. Sie kostete quasi einen Euro. Sein Vertrauen musste erkämpft werden, und Kohl hat's geschafft. 

Der Auftrag an uns lautet: Das Vertrauen darf nicht wieder enttäuscht werden, weder bei Franzosen, noch bei anderen Europäern, nicht bei den Russen, und auch nicht bei den Amerikanern.

Danke. 

Freitag, 16. Juni 2017

Gute Nacht - die Show vorm Einschlafen

wurde erfolgreich magnetisiert und aufgezeichnet. Drei sehr unterschiedliche Folgen, und in allen lernte ich entscheidendes über das Schlafen. Jorge Gonzales, der gestern bei mir im Showbett lag, verwendet ein Buch als Einschlafhilfe, aus Kuba, jahrzehntealt. Er hat das Buch schon oft gelesen, kennt jede Zeile, und entschlummert bei der Lektüre zuverlässig und umgehend. Übrigens ist er diplomierter Nuklearökologe, knapp so alt wie ich, und zum Studium reiste er von Kuba in die Tschechoslowakei. Also Sowjetzeiten, Tschernobyl, damals, im kalten Krieg. Wir Veteranen. 

Auf dem Bild trage ich ein sogenanntes Gadget für unterwegs: Ein aufblasbares Reisekissen. Glaube ich. Man kann damit den Kopf auf einer Tischplatte ablegen - eine Schlafposition, die ich noch nie eingenommen habe.

Hier sieht man mich auf dem Weg zur Arbeit durch die Gänge des Thaliatheaters in Hamburg. Unten auf der Hauptbühne laufen "Die Weber" von Hauptmann. Waren die nicht manchmal ähnlich gekleidet wie ich? Trugen nicht bis vor kurzem überhaupt alle deutschen Michel Zipfelmütze? Wenigstens, wenn sie keine Pickelhauben trugen?


Nach 10 Tagen Reiserei und Lampenfieber freue ich mich auf ein paar Tage Rumlungern dahoam. Arbeit ist nichts für mich. Eigentlich habe ich für Arbeit auch gar keine Zeit. 

Mittwoch, 14. Juni 2017

Reise zum Mittelpunkt der Erde

Im Hotelkellerpool ist das Wasser warm wie Kamillentee, dabei deutlich stärker chloriert. Die Temperatur drückt aufs Tempo; um Schwitzattacken und Kreislaufzusammenbrüche zu vermeiden, bewege ich mich in Zeitlupe von Beckenwand zu Beckenwand. Auf Rollwenden verzichte ich, sie erscheinen mir zu anstrengend, zumal der Pool nur 20 Meter misst und ich eh einen Großteil meines "Trainings" mit Abstoßen & Gleiten beschäftigt bin. Abstoßen & Gleiten: Guter Titel für eine Fachzeitschrift; erinnert an "Abschleppen und Bergen", deren Chefredakteur ich einst in Kanada kennenlernte (arbeitet heute bei "Die Gummibereifung").

Schlappert zähle ich die Bahnen, wechsele lustlos zwischen Brust und Kraul. Mit jeder Bahn, so stelle ich mir vor, dringe ich tiefer in die Erdkruste ein. Jules-Verne-Weh. 

Vorteil dieses Gewässers: Wenig los. Neben mir ist nur ein Mädchen unterwegs, prä-Backfisch, also quasi Fisch, ungegart. Wird sich aber schnell ändern in der Brühe. Als wir uns dem Erdkern nähern, droht sie zum Kochfisch zu werden und steigt aus. 

100 Bahnen sind 2 km, ich komme auf 106, dann wird mir die Magma-Masse zu heiss; ich bekomme kalte Füße und werfe das Handtuch, wie man im Boxsport zu sagen pflegt. D'accord, im Schwimmsport wirft man's nicht, man holt es sich und rubbelt. 

Den Rest des Tages werde ich von Hitzewallungen ereilt. Ungünstig, zumal ich im "Nachtasyl" im Thalia-Theater schaffe, und zwar "Gute Nacht - die Show vorm Einschlafen " für den NDR. Und über Mangel an Wärme kann man sich auch an diesem Drehort nicht beklagen. 🥝 macht auch mit und Wolfgang Trepper, sowie Prof. Till Roenneberger, Koryphäe der Chronobiologie und Erfinder des Begriffs "Sozialer Jetlag". Schöne Sendung. 


Dienstag, 13. Juni 2017

I ❤️ Kreissäge

Es passiert mir selten, dass ich mich verzugsfrei in ein Kleidungsstück verschieße. Im Alsterhaus passierte mir just dies. Ich schlenderte durch die Herrenabteilung, und schon aus 100 m Entfernung entdeckte ich den Hut meines Vertrauens: Eine besonders schwere Kreissäge in bürgerlicher Qualität. Das Beste aus den Welten von Birgit Breuel und Buster Keaton in einem Kopfschmuck quasi. Ich beschleunigte, näherte mich, setzte Deckel auf Eimer und konnte sogleich einen außergewöhnlichen Sitz attestieren: 1% zu groß - so lautet bekanntlich unter uns Kreissägern die Faustregel, nach welcher der vegetabile Hut auszuwählen ist, um Druckstellen am Döz zu vermeiden. Ich zahlte moderate 69 €, und seither habe ich die Strohkrone nur zum Nachtschlaf abgesetzt. Durch seine mehrlagige Verarbeitung wiegt die Stabil-Mütze gefühlte zwei Kilo, was zu einem besonders aufrechten, bewussten Gang führt. Auch beim Barfuß-Laufen könnte mir der Hut möglicherweise behilflich sein, nämlich, um mich "angezogener" aussehen zu lassen und so den einen oder anderen abschätzigen Blick zu unterbinden. Bei Sturm könnte allerdings eine Lage Teppichklebeband vonnöten sein, um Hutflug zu verhindern. 

Montag, 12. Juni 2017

Unsere erste Tandem-Tour

Ganz kurz entschlossen. Wir legen zwanzig Euro auf den Tisch des Fahrradverleihs beim Chilehaus und dürfen dafür vier Stunden ausfahren. "Wer sitzt vorne?" fragt der Verkäufer, und ich hebe selbstbewusst den Finger. Pi x Daumen passt er die Sattelhöhen an, dann werfen wir unseren Kram ins Körbchen und legen los. Uaa, ist das aufregend. Schon das Aufsteigen fällt mir schwer. Wenn die Freundin hinten sitzt, und ich schwinge meine Beine hinterwärts übern Gepäcker, landen diese in ihrem Gesicht. Also besser vorne übers Oberrohr führen. Und dann los, wackel-wackel. Da die Geradeausfahrt besser klappt als das Kurvisieren, rollen wir zunächst die Elbchaussee hinunter bis nach Teufelsbrück. Die Ballonreifen des Gefährts ermöglichen in Kombination mit den Traktorensätteln ein sattes, schweres, süffiges Sausen. Kleinere Schlaglöcher bleiben völlig unbemerkt. Gut, bergauf ist die Sache nicht leichter als mit einem Einpersonenvelo, aber das mag auch mit ungleich verteilter Wattpower zusammenhängen. Mag. Mich stört die Tatsache, heute fester treten zu dürfen, keineswegs - das erhöht den Trainingsreiz, außerdem kann man durchs eifrige Pedalieren seine Ritterlichkeit belegen. 

Das Wetter ist sommerlich, und ab Teufelsbrück ist der Elbuferweg voll. Jetzt ist Geschicklichkeit gefragt. Ich klingele ungern, das widerspricht meinem Naturell, darum heißt es umsichtig Lücken erspähen und hindurch huschen. Huschen? Alle abrupten Antritte verlangen Teamkoordination, und das klappt wohl am besten per Zuruf. "Und los!" Nebeneffekt des Kommandos: Es ersetzt das Klingeling. 

Wer hinten sitzt, hat ansonsten ein feines Leben, darf sich am Anblick der Elbe ergötzen, Zerstreuung in Tagträumereien finden und sogar Duo-Schaufenster-Selfis knipsen:


Wir radeln bis zum Leuchtturm in Wittenbergen, dann kehren wir um, ein in Blankenese und geben das Gefährt nach dreieinhalb Stunden wieder beim Verleiher ab. Nach kurzer Siesta besuche ich "Inas Nacht" (bin in einer Sendung mit Joey Kelly), und in der Zeit zwischen Musikprobe und Sendung studiere ich die Tandemme bei eBay. Am schnuckeligsten finde ich ein picnik- Klapptandem aus den 70ern. Sieht gut aus, taugt aber wahrscheinlich eher für Kurzfahrten. Weitersuchen. Tagesfazit: Da könnte sich ein interessantes neues Feld auftun. 

36 km Tageskilometer. 

Sonntag, 11. Juni 2017

Frieda, das Faultier

Frieda hangelt träge an einem Klettergerüst und beäugt mäßig interessiert die Anwesenden. Die äugen deutlich interessierter zurück. Ich bin im Studio Hamburg, beim "Quiz der wilden Supertiere" mit Jörg Pilawa. Vom Hauptbahnhof kommend bin ich barfuß 10 km die Wandsbeker Chausee hinunter getrabt und habe mir nach Ankunft ein frisches Hemd angezogen. In meiner Dispo lese ich zudem, dass ich keine kurze Hose tragen darf. Eine Erklärung kann (oder mag) mir niemand geben. Ob's mit irgendeinem Tier zusammenhängt, auf das ich in der Show stoßen könnte? Oder wünscht man, dass ich "seriöser" rüberkomme? Altersgemäßer? Ich bin ja der begeistertste Kurzhosenträger, den ich kenne; im Sommer sind mir lange Hosen ganz einfach lästig. Bodenlange Beinkleider fühlen sich an, als fasse mir jemand mit besonders schlabbrigem Griff unablässig an die Waden. Dennoch füge ich mich artig, schaffe es korrekt bekleidet bis ins Finale, um dort kläglich zu versagen. Egal, ist ja nur Fernsehen. 

Anschließend ziehe ich mich ruckzuck wieder aus und laufe zurück. Versuchsweise nutze ich den Wanderweg an der Wandse, der jedoch recht pieksig ist. Unwillkürlich weiche ich auf die frisch gemähten Rasenflächen aus. Das fühlt sich zwar wunderbar weich an, birgt aber auch gewisse Gefahren. Welche, erfahre ich auf einem schmalen Wegrain, nach einer halben Stunde Jogging: Es macht plötzlich "Quitsch", unterm Fuß erspüre ich punktuell eine besonders flexible, schmiegsame Substanz. Nein, Softeis ist es nicht, was sich da zwischen meinen Zehen aufwärts zwängt. Jedenfalls kenne ich keine Softeis-Sorte in dieser Farbe. Hazelnut-Choc? Ganz theoretisch denkbar. Ich spare mir eingehende Tests, wische die Mauke, so gut es geht, an der Vegetation ab, um anschließend wieder auf die Wandsbeker Chausee zu wechseln. Da weiß man, was man hat. Und sieht, was kommt. Immerhin passt der Vorfall zum Auftritt bei den "wilden Supertieren". Frieda, ich hab Dich lieb! 

Samstag, 10. Juni 2017

Graf Dracula an der Leine

'Hannover ist noch doofer" pflegten wir Bremer Zivis in den 80ern zu sagen. Papperlapapp. Ich freue mich immer, wenn ich aus dem Hauptbahnhof hinaus trete; mein erster Weg führt hinüber zum singenden Gully, einer der coolsten Sehenswürdigkeiten, die ich kenne, und zwar weltweit. Kaum 100m entfernt befindet sich das Hotel Mussmann. Statt Zimmernummern hat dorten jedes Zimmer einen Namen, der mit Hannover in Zusammenhang steht: Eilenriede, Schiller, Maschsee etc. Auch die Etagen sind nicht numeriert, sondern heißen Herrenhausen, Innenstadt usw. Der Erklärbedarf an der Rezeption ist enorm, aber auf Nachfrage versichert das Personal, das System habe sich bewährt. "So kommen wir mit unseren Gästen ins Gespräch!" 

Ein ähnliches Konzept ist in der Hirnforschung schon seit längerem bekannt: Beim Auswendiglernen ist es hilfreich, jeder Zahl einen Gegenstand, einen Ort zuzuordnen, so dass man sich quasi eine Geschichte merkt. Meine Telefonnummer etwa lautet: "Ein Rosettenmeerschwein flog, nur mit einem Zylinderhut bekleidet, im Mistral nach Antwerpen, um im dortigen Hauptpostamt Disko-Fox zu tanzen" (Leider weiß ich nicht mehr, welchem Wort ich welche Zahl zugeordnet habe, aber das ist nicht schlimm. Ich habe nur selten das Bedürfnis, mich anzurufen)

Hannover, die Stadt der Ursonate, habe ich in den letzten Jahren schätzen gelernt. Und der Eisbrecher war Ernst-August, der Prügelpipiprinz. Den fand ich angenehm entfesselt. Brutalistischer Adel, waschbetonköpfig wie das Pflaster am singenden Gullydeckel - So'ne Art Graf Dracula an der Leine.

Meine "Im Zelt"-Lesungen sind derzeit von hartnäckiger Heiserkeit geprägt. Eine Kehlkopfentzündung, so erfahre ich, kann sich über sechs Monate erstrecken - wenn man sie nicht richtig ausheilt. In Hildesheim verwies ich noch auf einen Virus als Erklärung, gestern in Hannover behauptete ich, beim Wildeshauser Gildefest eine Woche durchgefeiert zu haben. Für Schützenfest-Schäden haben gerade Hannoveraner mehr Verständnis als für schnöde Schüpfeleien. 

Die Buchhandlung, in der ich lese, befindet sich gegenüber vom alten Rathaus, und während ich auf meinen Auftritt warte, fotografiere ich dessen Dach, das mich, auf den Kopf gestellt, an ein Dracula-Gebiss erinnert.



Freitag, 9. Juni 2017

June, not May.


In der Zeitung lese ich, dass die syrischen Flüchtlinge sich über deutsche Politiker wundern, die sich fahrradelnd fotografieren lassen. Derlei sei in Syrien undenkbar - da sei die Staatskarosse mit Panzerglas Grundausstattung für jedes höhere menschliche Leben. Hoho, denke ich mir, während ich barfuß durch Hildesheim trabe, Ihr werdet euch zukünftig noch über ganz andere Merkwürdigkeiten wundern. Das Zeitalter der SUVs dürfte seinem Höhepunkt entgegen knattern - wenn dieser nicht schon überschritten ist. Was soll danach noch kommen? Leopard-Panzer für den Zivilgebrauch? Nein, der Papst gibt die Richtung vor. Kleinwagen, Blechkreuze, Billigschuhe. Oder eben gar keine. Nach ausreichender Testphase kann ich schon mal konstatieren: Schuhe sind enorm überschätzt. Dass man ohne Schuhe einginge, ist lediglich eine Propaganda-Botschaft der Lederlobby. Alleine die unterschiedlichen Texturen der Gehwegplatten bereichern die Lebensergehung: Manche warm, andere kühl, die groben pricklig, Pflastersteinköpfe abenteuerlich. Ich persönlich wünschte mir, man dürfte ganz und gar nackt durch die Städte joggen, und niemand hat mir jemals ein stichhaltiges Argument für die Verhüllung irgendwelcher Körperpartien nennen können. Ob ich wohl noch ein FKK-Zeitalter erleben werde, ohne Scharia-Schikanen à la "Erregung öffentlichen Ärgernisses"? Die Chancen stehen günstig, denn schon lange nicht mehr haben so viele "Opinion Leaders" versagt, weltweit, und mit ihrem Versagen diskreditieren sie ganz nebenbei auch die Insignien der "Seriösität", vom Zweireiher bis zum Dienstwagen, vom Scheitel bis zur Sohle. Manche Poltiker haben's begriffen und sind schon mal aufs Rad umgestiegen. Aber das ist nur ein Anfang. Ausziehen! Alle! Einer überparteilichen Nudistengruppe im Bundestag säße ich gerne vor. 

Wieder so ein abgekürzter Nachtschlaf. Man wacht auf und reibt sich die Augen. May ist so gut wie weg. Erster Gedanke: Jetzt ist ja auch Juni. Zweiter Gedanke: Wieder so eine "Seriöse", mit Kostüm etc. Jeremy Corbyn fährt nicht nur Rad, er trägt seine Haare nicht nur ungeordnet wie Boris Johnson, sondern ist zudem grau und grumpy. Das passt einfach besser zu jener Lage, in die sich die Briten manövriert haben: Chaotisch, hoffnungslos, garniert mit einem Hauch Mottenkugel-Aroma. 

Donnerstag, 8. Juni 2017

Don(ald) Giovanni und die Horten-Kachel

Als Mozart "Don Giovanni" schrieb, dachte er sicher nicht an Donald Trump, so wenig wie ich vor einem Jahr, als ich mir die Hildesheimer Inszenierung anschaute. Gestern schaute ich mir das Stück erneut an, und es war unmöglich, nicht an den Dödel aus New York zu denken, der sich, um Liebe gierend, durchs Leben lügt. Während Don Giovanni seine Eroberungen in einer Kladde dokumentiert (von seinem Diener dokumentieren lässt), twittert Trump selbst, und in beiden Fällen sind die Täuschungsmanöver äußerst plump. Don Giovanni stirbt schließlich im Höllenfeuer, und auch bei Trump habe ich schon lange eine dunkle Ahnung, dass seine Präsidentschaft böse endet - und zwar dann, wenn seine Liebschaften, also seine Wähler, erkennen, wie tief sie von ihm in die Tinte gesteckt wurden. Natürlich hält Trump sich selber für den einzigen ehrlichen Politiker weit und breit - eben genauso wie Don Giovanni, dessen Motto lautet: "Einer Frau treu sein heißt: alle anderen betrügen". 

Vor der Aufführung spaziere ich durchs schöne Hildesheim und begutachte ausgiebig die Fassade des "Kaufhof". So sah auch die "Horten"-Fassade in Oldenburg aus, und wahrscheinlich wurde meine Generation durch nichts so geprägt wie durch diese subtil verspielte Vertikal-Pflasterung. Subtil, weil die ästhetischen Highlights ausschließlich durch Beleuchtungseffekte im Innern entstehen, abgesehen vom theoretischen Taubenschiss, der sich natürlich auch verschönernd auswirken würde. Um letzteres zu verhindern, wurden die Fassaden jedoch zumeist mit Drahtnetzen versehen - so auch in Hildesheim. Die "Horten-Kachel", um 1960 von Egon Eiermann entwickelt, nahm auf die Fassadengestaltung der umliegenden Gebäude eher wenig Rücksicht - sie war anti-elitär, zeigte dem bourgeoisen Establishment, wo der Bartel den Most holt, sie war der Trump unter den Häuserfronten der Nachkriegszeit. Nachdem über die Fassade des Regensburger Kaufhauses 1972 öffentlich heftig gestritten wurde, endete die Karriere der markanten Kachel. Wenigstens nicht im Höllenfeuer. Sie wurde einfach nicht wiedergewählt. Vorhang. 


Mittwoch, 7. Juni 2017

Herzlichen Glückwunsch, Roberto Peymann und Claus Blanco! 

Angeklagt. Der Staatsanwalt wirft uns schweren Landfriedensbruch, Unzucht mit Minderbemittelten sowie das Betreiben eines Swingerclubs vor. Welche der Beschuldigungen mir gelten, ist unklar - es handelt sich um so eine Art Sammelklage, nachdem die Wache der Wildeshauser Schützengilde alle Festgäste, die in Grotelüschens Garten am Bier nippten, festgenommen und in Ketten dem Gericht vorgeführt hat. Nach Absingen des Wildeshauser Liedes wird ein Teil der Bande freigesprochen, ein anderer zum Tode verurteilt. 

Nach 15 Jahren stehe ich meinem Vater hier zum zweiten Mal gegenüber. Schade, dass ich mangels Stimme nicht verteidigungsfähig bin. Sohn Leander und Neffe Jonathan werden dazu verurteilt, im nächsten Jahr der Gilde beizutreten. Müsste den beiden auch gut stehen, der schwarze Frack und das Holzgewehr mit der Blume. Angenehm, sich die leuchtenden Augen der Großeltern auszumalen. 

Roberto Blanco wird 80, und Claus Peymann auch. Letzterer nennt sich einen "Reißzahn im Arsch der Mächtigen", Roberto Blanco nennt sich so nicht. Wenn er sich überhaupt irgendwie benennt - womöglich hat er eine Selbstbeschreibung gar nicht nötig. Seine Visitenkarte ist der Fünfworter "Ein bisschen Spaß muss sein". Peymanns Credo lautet "Das Entscheidende am Theater ist die Liebe", und kombiniert man beide Mottos, äh, Motti, äh, Motten miteinander (und betrachtet alles Menschenwerk als theatralischen Zeitvertreib), hat mein eine umfängliche Handlungsanweisung, einen funktionstüchtigen Kompass für die 80 Jahre, die man auf diesem Planeten gemittelt verbringen darf. Beiden Jubilaren wird die Fähigkeit zu einer gewissen Härte unterstellt: Blanco bewies diese im Rosenkrieg mit seiner Frau, soll angeblich nur knapp dem Gefängnis entronnen sein (wäre ihm mit meinem Papa als Staatsanwalt nicht gelungen). Peymann wiederum wettert gegen Politiker, Regisseure, Journalisten, eigentlich alle, außer sich selbst. Aber auch Roberto Blanco hat er noch nie beschimpft - das ist auffällig. Die Erklärung: Blanco und Peymann sind eigentlich ein und dieselbe Person. Oder wenigstens zwei Seiten einer Medaille: Yin und Yang, Blanco y negro, Bremen und Kuba. Keine zwei Staatswesen sind sich ähnlicher als die darbende Rum-Republik und das kleinste Bundesland mit der Speckflagge: Hie Castro, da die SPD, kaum finanzieller Handlungsspielraum, in beiden Gegenden sind bedeutende Tabakidustrieunternehmen ansässig etc.

Herzlichen Glückwunsch, lieber Roberto Peymann, lieber Claus Blanco! 

Dienstag, 6. Juni 2017

Wie die Qatar-Krise gelöst werden kann:

Der Müllberg. Von der siebten bis zur zehnten Klasse führte mein Schulweg an der Mülldeponie in Oldenburg-Kreyenbrück entlang. Etwas langweilige Mittelstufen-Jahre, die in meiner Erinnerung mit einem prägnanten Müllduft verbunden sind. Seltsam, wie ich immer und immer wieder auf Aspekte meiner Biografie stoße, die mit "Mief!" In Verbindung zu stehen scheinen. Nun gut; womöglich sind alle Menschen tagtäglich odoral touchiert, ohne dass dies jedoch bewusst wahrgenommen wird - im Gegentum, wie Walter Kempowski sagen würde. Und dabei lassen sich doch gerade vor Gestank die Augen nicht verschließen - jedenfalls nicht so, dass dies irgendeine desodorierende Wirkung hätte. 

Heute ist der Müllberg begrünt und der Öffentlichkeit zugänglich. Der "Osternburger Utkiek" ist die höchste Erhebung der Stadt und erlaubt einen fabelhaften Blick auf die Skyline der Huntemetropole. Konzentriert man sich auf den feinen Sand zwischen den Zehen und kneift die Augen zusammen (und phantasiert sich orientalische Düfte hinzu), könnte man meinen, man sei nicht in Kreyenbrück, sondern in Qatar - also in jenem Land, das über Nacht zum bösesten Buben, zum Müllberg der Weltgemeinschaft geworden ist. Welch Blitzkarriere! Apropos Qatar: Ich bin immer noch krank. Statt Sport werde ich heute meinem Vater die Ehre erweisen, der das Wildeshauser Gildefest zum 50. und letzten Mal als Richter bereichert. 

Wie viel besser wäre es der Menschheit ergangen, wenn sie ihre Konflikte dem Wildeshauser Gildegericht zur Lösung vorgelegt hätte! Gestern, so erzählt mein Neffe, soll er einen Festgast verurteilt haben, weil er aus Hannover stammt und von dort angereist war, während die Verteidigung auf Freispruch plädierte. Hannoveraner seien schon durch ihren Wohnort genug gestraft. Einen anderen Angeklagten soll Papa mit Schnaps übergossen haben - weitere Hintergründe dieses Prozesses sind mir nicht bekannt. Und abends soll er, der Überachtzigjährige, neue Tanzstile erfunden haben: Sockfuss, den Takt mit den Schuhen klatschend. 

Ich habe den besten Vater der Welt und bin sicher, dass er auch die Qatar-Krise im Handumdrehen lösen würde, etwa, indem der Scheich verpflichtet wird, statt Muslimbrüder den TSV 1860 München zu unterstützen (neuer Spielort in der Wüste!) oder strafhalber nach Hannover zu ziehen. Oder er löst die Krise nicht im Umdrehen der leeren Hand, sondern durch Verguss einer Schnapsflasche. Das bringt manchmal mehr als gemeinhin unterstellt wird - ohne, dass man präzise sagen könnte, was. Auf jeden Fall riecht es besser als Müll. 

Montag, 5. Juni 2017

"Bitte gehen sie weiter - es handelt sich um einen Notfall!"

Im Zug Richtung Schützenfest. Wir hocken auf (nicht für uns) reservierten Plätzen und testen verschiedene Strategien, diese Sitzgelegenheiten bis Bremen zu verteidigen. Gar nicht so einfach, wenn alle Reisenden ohne Sitzplatz vom Zugchef aufgefordert werden, wegen der Überfüllung wieder auszusteigen und den Folgezug zu nutzen. Als wirksam erweist sich das Auspacken und Drapieren sämtlicher Lebensmittel, inklusive Käseplatte. Das Reisebesteck wird sodann als Wimpel in die Salate gerammt, um beim Konkurrenten eine unterbewusste Anerkennung unseres Besitzanspruches zu erzielen. Überlaute Polemiken über Themen wie das bedingungslose Grundeinkommen, parapsychologische Kriegsführung gegen Salafisten oder den Umgang mit lebensbedrohlichen Infektionskrankheiten ("Ich habe jetzt zum zweiten Mal Bruzelose und lasse mich davon nicht einschüchtern") scheinen bei manch Sitzwilligem ebenfalls einen Denkprozess einzuläuten, der zum Weitergehen führt. Und, hurra: Tatsächlich bleibt uns das Schicksal der Vertreibung erspart. 

Rekonvaleszenz: Zeit für die mittelfristige Lebensplanung. Kaum kann ich mich jener Sehnsucht erwehren, die mich auf Schuhe vollständig und forever verzichten lässt. Noch in diesem Jahr möchte ich einen weiten Weg barfuß zurücklegen. Die Rollerfahrt von Garmisch nach Riva steht bereits fest. Auch ein erster Auftritt als Klavierbegleiter (Mozart, Schubert, Wagner, Ives) zeichnet sich ab. Gerne gäbe ich auch den "Influencer" in Sachen Sütterlin. Mit meinen deutschen Schreibschrift-Fertigkeiten kann ich mich selber wunderbar begeistern; sie sind mein persönlicher Beitrag zur "Leitkultur"-Debatte, aber ein winziges Detail kippt eine Messerspitze Trübnis in die Euphorie: Kaum jemand kann meine Ergüsse lesen. Sogar ich selber muss mich arg konzentrieren, wenn ich nach einigen Tagen einen Blick aufs Übungsblatt werfe: 




Harzquerung 

51 km im 51. Lebensjahr - das klingt passend. Der Oldschool-DDR-Geländelauf steht schon ewig bei mir auf dem Zettel. Zwei Tage vorher drehe ...

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