Samstag, 10. Juni 2017

Graf Dracula an der Leine

'Hannover ist noch doofer" pflegten wir Bremer Zivis in den 80ern zu sagen. Papperlapapp. Ich freue mich immer, wenn ich aus dem Hauptbahnhof hinaus trete; mein erster Weg führt hinüber zum singenden Gully, einer der coolsten Sehenswürdigkeiten, die ich kenne, und zwar weltweit. Kaum 100m entfernt befindet sich das Hotel Mussmann. Statt Zimmernummern hat dorten jedes Zimmer einen Namen, der mit Hannover in Zusammenhang steht: Eilenriede, Schiller, Maschsee etc. Auch die Etagen sind nicht numeriert, sondern heißen Herrenhausen, Innenstadt usw. Der Erklärbedarf an der Rezeption ist enorm, aber auf Nachfrage versichert das Personal, das System habe sich bewährt. "So kommen wir mit unseren Gästen ins Gespräch!" 

Ein ähnliches Konzept ist in der Hirnforschung schon seit längerem bekannt: Beim Auswendiglernen ist es hilfreich, jeder Zahl einen Gegenstand, einen Ort zuzuordnen, so dass man sich quasi eine Geschichte merkt. Meine Telefonnummer etwa lautet: "Ein Rosettenmeerschwein flog, nur mit einem Zylinderhut bekleidet, im Mistral nach Antwerpen, um im dortigen Hauptpostamt Disko-Fox zu tanzen" (Leider weiß ich nicht mehr, welchem Wort ich welche Zahl zugeordnet habe, aber das ist nicht schlimm. Ich habe nur selten das Bedürfnis, mich anzurufen)

Hannover, die Stadt der Ursonate, habe ich in den letzten Jahren schätzen gelernt. Und der Eisbrecher war Ernst-August, der Prügelpipiprinz. Den fand ich angenehm entfesselt. Brutalistischer Adel, waschbetonköpfig wie das Pflaster am singenden Gullydeckel - So'ne Art Graf Dracula an der Leine.

Meine "Im Zelt"-Lesungen sind derzeit von hartnäckiger Heiserkeit geprägt. Eine Kehlkopfentzündung, so erfahre ich, kann sich über sechs Monate erstrecken - wenn man sie nicht richtig ausheilt. In Hildesheim verwies ich noch auf einen Virus als Erklärung, gestern in Hannover behauptete ich, beim Wildeshauser Gildefest eine Woche durchgefeiert zu haben. Für Schützenfest-Schäden haben gerade Hannoveraner mehr Verständnis als für schnöde Schüpfeleien. 

Die Buchhandlung, in der ich lese, befindet sich gegenüber vom alten Rathaus, und während ich auf meinen Auftritt warte, fotografiere ich dessen Dach, das mich, auf den Kopf gestellt, an ein Dracula-Gebiss erinnert.



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