Samstag, 3. Juni 2017

Schneeflöckchen, Weißröckchen

Um fünf klingelt der Wecker, und fünf Minuten später mache ich mich auf zu einer Stippvisite bei Frau Holle. Mit der Werdenfelsbahn gehts zunächst nach Garmisch, wo ich meinen Sohn Cyprian und seinen Freund Paul treffe. Wir überqueren die Loisach und marschieren vom Standortübungsplatz "Am Esel" auf dem Kramerplateauweg bergan. Gestern und noch heute morgen machten mir vereiterte Atemwege Kummer; der Husten schmerzt, und das Sprechen fällt mir schwer, was wiederum vorzüglich zum brüllend heißen Sommermorgen sowie zum steilen Bergpfad passt, den wir im Nähmaschinenschritt begehen. Cyprian stürmt gepardisch bergauf, Paul als sportlich hochbegabtes Triathlon-Talent lässt sich nicht lumpen, und ich eile mit verbissener Miene hinterher. Nur einmal halten wir für eine kurze Rast, pressen den Inhalt der Quetschflaschen in unsere geröteten Gesichter, und nach kurzem Rülps gehts weiter. Salziger Schweiß brandet mir über die Augen, es brennt, ich weine, egal. Meine Hände führen die Teleskopstöcke, Zeit zum Schweissabwischen ist erst oben. 

Vorher müssen ein paar Altschneefelder gequert werden. Das ist auch mit meinen Leguanos gut machbar, wie überhaupt bergauf kein Nachteil gegenüber sonstigen Schuhwerk zu vermerken ist. Da die junge Generation auf die zeitlichen Sonderwünsche des Seniors keinerlei Rücksicht nimmt, bliebe für ein eventuelles Ausrutschen, Absturz, einen Rettungseinsatz der Bergwacht auch gar keine Zeit. Ich muss hinterher, schnell!


Nach guten zwei Stunden sind wir oben. Auf dem Kramerspitz, 1985m. Großartige Rundsicht auf Zugspitze, Garmisch, Eibsee, den ganzen Klimbim. Cyprian rennt sogleich weiter auf einen Nebengipfel, um schicke Bilder für seine Instagram-Seite zu knipsen. Ich stopfe mir derweil Bananen in die Goschen und wundere mich, warum der Inhalt meines Rucksacks so nass ist. Aha, ein Fläschchen Duschgel, im Taschenbodensediment verschollen geglaubtes Überbleibsel einer Mehrtagestour vor einigen Jahren, ist ausgelaufen. Wie schön. Merken: Bei der nächsten Rucksackreinigung kann auf den Einsatz von Putzmitteln verzichtet werden. 

Nachdem mein Puls leidlich normalisiert ist, versuche ich mit meinem Wischfon, ein Panoramabild zu fotografieren, aber dazu müsste ich die anderen Wanderer hier oben mitfotografieren. Das wiederum will ich nicht - ich selber mag ja auch nicht ungefragt fotografiert werden. Also versuche ich die Leute auszusparen, was zu merkwürdigen schwarzen Rändern im fertigen Bild führt:

Bergab zeigen meine "Barfuß-Schuhe" gewisse Nachteile. Zunächst: Wirklich barfuß würde ich für diesen Weg die x-fache Zeit brauchen. Leguanos bieten dem Fuß wenig Schutz, aber immerhin so viel, dass man auch auf grobem Bergschutt nicht verzweifelt. Bergab allerdings muss man eben doch genauer gucken, wo man hintritt, als in normalen Schuhen üblich. Oder, ums positiver auszudrücken: Leguanos schulen den bewussten Gang. Heißt: Wenn ich denn alle paar Dutzend Schritte den Blick vom Weg abwende, sind meine jungen Begleiter in ihren amtlichen Trailschuhen weit, weit enteilt. Vorteil des Nachteils: Die Halsentzündung erlaubt eh keine großartigen Plaudereien.


Bald erfrischen wir uns auf der Steppbergalm, auf fünfzehnhundertirgendwas Meter. Zum alkoholfreien Weißbier verzehre ich ein Stück Käsekuchen und freue mich auf den morgigen Muskelkater. Weiter. In leisen, kleinen Schritten renne ich den Jungs hinterher. Die Themen ihrer Gespräche kann ich aus der Ferne nur noch erahnen: Es geht um Fußball, den Studienort Regensburg und die verschiedenen Varietäten der handelsüblichen Gewitterwolke (umschmeicheln soeben die Zugspitze gegenüber). Und um mysteriöse Selfi-Unfälle, die derzeit hipste, modernste Todesursache. 

Nach 13 km und etwas über 1000 Höhenmetern ist der Spaß vorbei, und um 13:07 sitze ich wieder im Zug gen München. Erstmal Handy raus, gucken, was es Neues gibt. Aha, Cyprian hat sein Bild gepostet. Ist wirklich uiuiui geworden. Und ich bin auch zu sehen! Der Typ, der steht. Zweiter von rechts. 



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