Donnerstag, 13. Juli 2017

Alpenüberquerung, 3. Etappe

Abfahrt in Nauders um halb neun. Während ich mich etwas abgeschlagen fühle, äußert Teresa keine Beschwerden. "Ich bin jung, ich bin gesund, warum soll ich nicht über die Alpen kommen?"

Noch gähnend stellen wir fest, dass die Auffahrt zum Reschenpass gar keine echte Auffahrt ist, sondern nur ein Buckelchen. Dahinter erstreckt sich der Reschensee mit dem berühmten Kirchturm des gefluteten Dorfes Graun. 

Unsere Trikots entwickeln mittlerweile die interessantesten Aromen, und Ersatzleiberl haben wir gar nicht erst eingepackt, um den Minimalismus auf die Spitze zu treiben.  Schön, dass wir uns außerordentlich gut riechen können. Fliegen aber auch. Bei jedem Halt werden wir gierig umschwirrt. Endgültig wach werden wir, als wir die ersten Bewässerungsanlagen des Südtiroler Obstanbaus durchfahren. Wasser von oben und, mangels Schutzblech, auch von unten lässt uns jauchzen wie Teenies in der Wildwasserbahn. Die Kaskaden läuten den vergnüglichsten Teil der bisherigen Radtour ein: Die autofreie Abfahrt auf perfektem Asphalt hinunter nach Burgeis, vor silbrig vergletscherter Ortler-Kulisse. Endloser Fahrspass. Gehört in die Top 10 der ersprießlichsten Radwege des Universums. 

Teresa jubiliert, reißt die Arme hoch, rast in Höllentempo am Ufer der Etsch entlang, und ich sause breit grinsend hinterher. Bis km 50 kommen wir fast ohne Treten voran, danach mit nur spärlichem Krafteinsatz. Viel los auf dem Etschtalradweg: Sportler, Familien, Reiseradler mit gewaltigen Gepäcktaschen, Elektroradler. Letztere sind manchmal besonders lustige Leute ( der eine zB saß auf tausenden von Euro, überschwere Maschine mit XXL-Federweg, war aber bergab ein Schisser und ließ sich von einer erst seit vorgestern bergradelnden Opernsängerin (die übrigens während der Abfahrt ihre Koloraturen übt) und einem 16-Zoll-Tretroller-Fahrer überholen). 

Übrigens bewährt sich mein Kostka "Street" als brauchbares Reisemobil, unempfindlich und belastbar. Als die Sonne im Zenit steht, schlage ich mir allerdings den Knöchel an der hinteren Nabe blutig. Diesen Schmerz kenne ich bereits; der Knöchel ist sozusagen die Archillesferse des Tretroller-Touristen. Klar, man könnte ihn in einen gepolsterten Schoner stecken, aber auch dies passt nicht zum minimalistischen Reisekonzept.

Mittagessen in der Rad Bar. Bohnenragout und Piadina, zum Nachtisch Apfelstrudel und Fotosession, danach lässt das Gefälle etwas nach und der Fahrspass weicht einer gewissen Nüchternheit. Tritt auf Tritt im Walzertakt, fünf bis zehn links, dann Fußwechsel, immer schnurgerade am Fluss entlang, bis nach Meran. 

Vorm schmucken Stadttheater kaffeesieren wir, dann petten wir das letzte Dreiviertelstündchen für heute, in den Ort Lana, wo wir Quartier nehmen. Über 100 km maß die Etappe, und das Bad im kleinen Pensionspool ist redlich verdient. Am Beckenrand sitzen Eidechsen und schauen uns beim Plantschen zu, und im Nachbargarten singt ein Chor aus Palme, Feige, Kaktus den Choral des Südens. 

 Und wie weiter? An der Etsch entlang nach Rovereto und dann rechts? Oder über alle Berge, das komplette Programm, mit Muskelkater-Garantie? Wir wägen die Vor- und Nachteile ab, sind uns aber schnell einig: die Bergvariante ist viel spannender! Vielleicht geht es uns ja zu gut. Abends im Bett ist durchs Fenster der Beginn der morgigen Etappe zu sehen, die Auffahrt zum Gampenpass. Vorfreude! 


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