Mittwoch, 5. Juli 2017

Leipziger Jazztage 1986

Gestern besuchte ich den MDR in Leipzig, und bei dieser Gelegenheit erinnerte ich mich an meinen ersten DDR-Besuch, 1986, mit KIXX bei den Leipziger Jazztagen. Wir kamen in der Dunkelheit per Bandauto an und wurden von einem ansässigen Schiebermützen&Schnauzbartträger vom Parkplatz zur Veranstaltungshalle begleitet, in der wir am nächsten Tag auftreten sollten. Während des kurzen Spazierganges erläuterte er die unterirdische Flussbettung der Pleiße (?), und ich vermerkte milde geschockt, dass hierzulande deutsch gesprochen wurde, gerade so wie daheim in der BRD. Klingt komisch, ja, aber in diesen letzten Jahren der deutschen Teilung nahm man als nordwestdeutscher Teenager die Existenz der DDR nur selten wahr, wenigstens, wenn man keine Ost-Verwandtschaft besaß. Alle vier Jahre standen medaillenverzierte Athleten in hellblauen Trainingsanzügen auf den olympischen Podesten, und es erklang die Becher-Hymne, zwischendurch fuhren Udo und FJS zu Honni und brachten Lederjacke bzw. Milliardenkredite - das war's dann auch schon. 

Den Abend verbrachten wir in der Moritz-Bastei, feucht-fröhlich im Kreise spontan geschlossener Freundschaften mit jungen Musikfreunden. Man kannte uns vom Hörensagen, und auch die eine oder andere LP hatte irgendwie den Weg ostwärts gefunden. Unser Manager, Ulli Blobel, war kurz zuvor von Ost-Berlin in den Westen ausgereist, wohnte nun im Freejazz-Mekka Wuppertal, verfügte aber weiterhin über alle notwendigen Kontakte zum Kulturbüro der DDR. Dies hatte unseren Festivalauftritt ermöglicht. 

Die Gespräche in der Moritz-Bastei waren samt und sonders politisch, aber auf eine vorsichtig-verschämte Art; viele meiner Zuproster hatten als Bausoldaten gedient (also den Wehrdienst verweigert), andere berichteten von permanentem Ärger mit der Stasi, und zu später Stunde wurde auf die Verlegung der Grenze angestoßen, die, so deklamierten wir lallend, nicht mehr Ost und West, sondern Nord und Süd teilen sollte (war wohl so eine Art Übersprungsforderung - zu mehr reichte unser Mumm nicht. Naja; hätte allerdings auch ernsthaft unerfreulich enden können). 

Als wir am nächsten Tag in der Halle spielten, war diese rappelvoll, die Neugier riesig, zum einen auf Freejazz, speziell, wenn dieser mit Rock- und Punkelementen verknüpft war, noch spezieller, wenn die Musiker aus dem Westen kamen. An unserem Schlagzeug saß Jim Meneses, Gitarre, Trompete und Gesang steuerte Lars Rudolph bei, Bass und Bontempi bediente Willy Hart, und ich hantierte mit Casio-Keyboard, Schallplattenspieler, Altsaxophon und Gesang. Wir waren ganz schön laut, infernalischer Krach unsere Spezialität. 



Auch im "Klub der Nationalen Front" spielten wir bei dieser Gelegenheit, im "Nato", den es, so meine ich zu wissen, immer noch gibt. Das Konzert fand morgens statt, und wieder knüpften wir viele Freundschaften, etwa mit der New-Wave-Duo "HerTZ". In meinem Erinnerungsalbum finde ich soeben ein wunderbares Bandfoto von HerTZ: 

Mit dem Schlagzeuger verband mich anschließend eine Brieffreundschaft; unter anderem versorgte ich ihn mit Trommelfellen, die in der DDR nur schwer zu ergattern waren, zumal, wenn man abseits der offiziellen Bühnen musizierte. 

An diesen ersten Besuch in Leipzig schloss sich im darauffolgenden Jahr eine ausgewachsene DDR-Tournee an. Aber das ist eine andere Geschichte, nämlich das größte Abenteuer meiner jungen Jahre. Könnte man mal zu einem irrwitzigen, dicken Roman verarbeiten.





1 Kommentar:

  1. Da ich jetzt in der ehemaligen DDR wohne, habe ich des Öfteren Kontakt zu Menschen welche die DDR von der anderen Seite der Mauer aus gelebt haben. Erstaunt bin ich dann darüber, wie täglich präsent im Osten der Westen war. Jedenfalls im Gegensatz zu mir und meinem Umfeld. Rein sprachlich gibt es das auch immer noch. Man fährt nicht nach Hessen, sondern in den Westen. Der Kölner ist ein Wessi. Wenn man ordentliches Geld verdienen will verlangt man: "in Westmark". Wenn etwas ganz schön und ordentlich ist und reibungslos funktioniert... "Wie im Westen".(Zusammengeschustertes ist im Gegensatz dazu "russich"). Eine freudige Überraschung ist noch immer ein "Westbäckel". Solcherlei gabs bei uns nicht. Wie du schon schreibst, war "der Osten", "die DDR" nicht allgegenwärtig; nicht mal gegenwärtig. Ein "Ossi" war ein Ostfriese; Kurdi hinterm Deich. Ein Wessi war ein Einwohner West-Berlins. Ich kann mich nicht erinnern, dass "wir" uns jemals wirtschaftlich mit oder an der DDR gemessen hätten, wohingegen dies fast täglich Ziel der "Ostler" war, besser zu sein als die Wessis. Zum Glück gab es dafür ja den Sport. Wobei ich Niederlagen auch nie so herausragend und systemschwächend empfand, als der Sieg im Osten. Ich erinnere mich an eine Begegnung in den USA, wo ich gefragt wurde woher ich käme. Deutschland. Ja wo genau? Frankfurt. Wo das länge? Mitten in Deutschland. Ja, ne... eher Ost oder West. Naja, ziemlich ganz genau mittig. Frankfurt ist (natürlich der Mittelpunkt der Welt, aber auf jedenfalls von Deutschland) mittendrin ungefähr halbe Strecke Nord/Süd und Ost/West. Mir ist erst viel später gedämmert, dass man BRD oder DDR meinte. Lang wohl daran, dass man schon damals vom "Ami" soviel Tiefgang nicht erwartet hätte und erst mal froh war, das er Germany nicht nördlich von Texas verortete.

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