Sonntag, 2. Juli 2017

Pharisäer am Vormittag

- und die Lider werden schwer. Als ich klein war, erklärte mein Papa, wie dieses Getränk entstand: In Nordfriesland war ein Pastor erbost, dass in seiner Gemeinde so viel gesoffen wurde. Die listigen Friesen versprachen, zukünftig nur noch Kaffee zu trinken. Allerdings veredelten sie diesen mit Rum, und damit dieser nicht erschnüffelt werden konnte, kam eine Sahnehaube drüber. Bei einer Taufe entdeckte der Pastor den Schwindel und beschimpfte seine Schäfchen als "Pharisäer" - dies waren im Neuen Testament die konservativen Frömmler, Gegenspieler Jesus', welche für die christlichen Kirchen fortan Symbole der Heuchelei wurden. Die Friesen beömmelten sich, und das Getränk behielt diesen Namen. 

Ein hochgeschätzter und -gebildeter Facebookfreund machte mich gestern Nachmittag darauf aufmerksam, dass die Bezeichnung "Pharisäer" weniger drollig als vielmehr beinhart antisemitisch sei und eigentlich nicht verwendet werden sollte. Zunächst wunk ich kopfschüttelnd ab, aber rein sachlich hat er vermutlich recht. Kann mir trotzdem kaum vorstellen, dass ich zukünftig schnöden "Kaffee mit Rum" bestelle. Die Kontroverse hat für mein Leben jedoch keine große Bedeutung, denn es ist eher unwahrscheinlich, dass ich überhaupt nochmal einen Pharisäer süffeln sollte, zumal vormittags. Mit Schlafzimmerblick lézardierte ich nämlich ganztägig, erschrak Bahnschaffner und Lufthansa-Personal mit aus dem Munde wehender Fahne und erklomm erst am Abend wieder die mir eigene Höhe. Pharisäer ist offenbar nicht mein Ding. Ich bestellte ihn ja auch nur aus Neugier, aus landeskundlichem Interesse. 

Zuvor waren wir per Flugzeug von Juist nach Norddeich übergesetzt, und der Pilot hatte mich angeschnauzt, wie ich denn darauf käme, dass er Klappräder transportieren würde. Ich verwies auf die Kurverwaltung, die ihr OK gegeben hatte; ein Wort gab das andere, und bald blaffte ich, dass ich ja keineswegs auf Juist auftreten müsse - zukünftig könne ich ja auch ganz einfach zuhause bleiben. Teresa als Oberbayerin meint, Norddeutsche seien grundsätzlich im Schnitt unfreundlicher als andere, und ich ärgere mich immer, wenn dieser Eindruck durch derlei Vorkommnisse gestützt wird. Vielleicht bin ich nach zwei Jahrzehnten am Alpenrand allerdings selber versüddeutscht, und ich erkenne den bärbeißigen Charme des Nordens nicht mehr als solchen. Womöglich ist momentan auch einfach das Wetter gar zu schlecht. 

Ach, ich leg mich wieder hin. 

P.S.: Zum versöhnlichen Abschluss hier ein Bild der sehr hübschen Sitzpolsterung in der Bremer Straßenbahn: 




  

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