Donnerstag, 20. Juli 2017

Geht miteinander ins Bett!

Verroht unsere Gesellschaft? Werden die Diskurse immer haudräufischer, persönlich diffamierender, werden wir alle immer hasserfüllter, hässlicher? 

I wo. Ich seh's so: Bei Facebook fühlt man sich zuhause. Die eigene Pinnwand ist das, was früher die eigenen vier Wände waren. Da saß der Hausherr auf'm Sofa, mit 'ner Buddel Bier in der Hand, blökte seine Alte an und kommentierte das Weltgeschehen mit "Lauf, du Sau!" et tutti quanti. Heute sitzen er (und seine Alte) vorm Display und benehmen sich wie immer, nur eben schriftlich. Ethnologisch bietet das Internet somit feine Forschungsmöglichkeiten: Es verroht die Menschen nicht, sondern es offenbart, wie sie wirklich sind, wenn sie sich dahoam, sicher und geborgen fühlen.

In Deutschland bevorzugt man Gardinen, in den Niederlanden lebt man ohne solche - der freie Blick ins Wohnzimmer sollte die moralische Integrität der Bewohner jedem Passanten sichtbar machen. Der Siegeszug der sozialen Netzwerke reißt gleichsam die Gardinen von den Stangen - allerdings entspricht das, was da zu Tage tritt, dem calvinistischen Sittenkodex nicht immer. 

Hilft das Hatespeech-Gesetz, um die Gardinen an Ort und Stelle zu halten? Nein. Wird es die Leute dazu bringen, in ihren Privatgemächern Oberhemd zu tragen, frisch gebügelt und fleckenfrei? Nein. 

Wir werden uns an freie Sicht und hellhörige Wände gewöhnen müssen. 

Und wir werden lernen, dass "die Renaissance der Schriftkultur", die viele (auch ich) vor einigen Jahren für etwas positives hielten, das gedeihliche Miteinander nicht unbedingt befördert. Nach unzähligen Versuchen weiß ich, wie schwer es ist, bei Facebook eine sachliche, tiefe, gründliche Diskussion zu einem beliebigen politischen Thema zu führen, ohne dass früher oder später irgendein Dödel rüde dazwischenquakt. Dem Chat ist das persönliche Gespräch überlegen - eben wegen der zivilisierenden Wirkung des Augenkontaktes. 

Das Überleben der Demokratie wird auch davon abhängen, ob die Menschheit sich wieder für persönliche Begegnungen begeistern lässt, auf Armlänge oder unter einer Decke, ohne zwischengeschaltete Elektronik. 

Mein Traum für die Menschheit: Klappt die Rechner zu, werft die Handys weg. Kippt Euch zusammen einen hinter die Binde, singt gemeinsam Lieder. Diskutiert. Und vor allem: Geht miteinander ins Bett! 


(Bild aus: "Der gute Ton von heute", 1953)

1 Kommentar:

  1. Lieber Wigald Boning,
    irgendwo auf diesem Blog habe ich die Nachricht unten schonmal gepostest. Ich weiß aber nicht, ob sie auch durchgekommen ist. Ich mach's einfach nochmal. Aber ansonsten bin ich ganz Ihrer Meinung: ein Hoch auf die zivilisierende Wirkung des Augenkontaktes beim persönlichen Gespräch... vielleicht ja auch über Rolf Dieter Brinkmann.

    Herzlich,
    RDB (der andere)


    Lieber Wigald Boning,

    ich bin Autor und Literaturwissenschaftler aus Köln und würde Sie gerne auf meine Website zu Rolf Dieter Brinkmann aufmerksam machen: www.brinkmann-wildgefleckt.de

    Ich habe mit Interesse gelesen, dass er einer Ihrer persönlichen Helden ist:). Auf meiner Seite gibt es (außer vielen interessanten Dokumenten) auch eine Fragebogenreihe, bei der ich Dichter, Künstler und Zeitgenossen um ihre ganz persönliche Sicht auf RDB frage, mit vier ganz offen gehaltenen Fragen. Schauen Sie einmal auf die Seite. Ich denke, sie wird Ihnen gefallen. Ich fände das sehr spannend, hier auch die Boning'sche Perspektive zu präsentieren. Hätten Sie Lust dazu? Dann mailen Sie mich doch mal an: roberto.dibella@gmx.net Ich würde mich freuen.

    Herzlich
    Roberto Di Bella

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