Montag, 12. Februar 2018

Arabische Nachtwanderung

0 Uhr in Dubai. Um 3:30 Uhr gehts weiter Richtung München. Was tun? Teresa ist müde und legt sich auf einen Liegestuhl. Ich jedoch bin hellwach, auch, weil mich die Idee begeistert, wenigstens 10 km zu laufen. Oder genauer gesagt: zu wandern - für Jogging fehlt mir die Wechselkleidung. Und womöglich sähe ein Laufsportler hier im nächtlichen Terminal auch gar zu merkwürdig aus uns würde Sicherheitskräfte interessieren. Das Gebäude ist eine langgestreckte Halle, Deckenhöhe vielleicht 20 Meter, in der Mitte sind Laufbänder installiert, an deren Handläufe Sitzreihen anschließen. Fast alle sind besetzt, von einem faszinierenden Menschen-Mix. Besonders stark vertreten ist Afrika. Bunt gekleidete Senegalesinnen und Nigerianer, dann sind da die hageren Eriträerinnen, die sich wie Klappstühle zusammenfalten können und dann notfalls zu zweit auf einen der Ledersitze passen. Ihre Körper, ihre Köpfe sind mit bunten Tüchern abgedeckt, manche sowieso voll verschleiert. Berberinnen sind auch da, mit bemalten Armen und stechendem Blick. Dann die Wüstensöhne: Einerseits die Ölprinzen, mit blütenweißen Gewändern, daneben aber auch echte Naturburschen in Jelaba, mit sonderbar knallrot gefärbten Backenbärten. Wahrscheinlich alle auf dem Weg nach Mekka, zur Hatsch. Am Gate C6 gehts nach Riadh, nebenan nach Medina. 

Auch da: kinderreiche Inder, langbeinige Niederländer, stumme Chinesen, peperonirote Engländer etc. Wer meint, nachts sei hier tote Hose, irrt. Es quirlt geradezu. Wie aufm Dom, wobei mindestens die Hälfte der Leute Schlafzimmerblick trägt, oder gar pennt.

Warum sind wir überhaupt hier? Eigentlich wollten wir schon morgens mit Condor heim, aber am Abend zuvor, wir lagen schon mit geputzten Zähnen im Bett, klingelte das Telefon: Maschine kaputt, nach Deutschland gehts erst Montagabend, Dienstag seid ihr daheim. Hotel wird bezahlt. Eigentlich natürlich ganz reizvoll, so‘n Zwangsurläubchen, zumal auf Mauritius, wir aber hatten keine Wahl, weil Teresa Montagabend die „Königin der Nacht“ singt, im Deutschen Theater in München. Also setzten wir uns noch in der Nacht an den Hotelrechner und buchten um auf einen Emirates-Flug über Dubai, mit drei Stunden Aufenthalt. 

Economy Class hat den schönen Nebeneffekt, dass durch Enge und Vertikalität der Sitzgelegenheit mein Bewegungsdrang extrem angespornt wird - je länger desto doller. Aus Drang wird Wut, ich WILL mich bewegen! 

Also los. Eine Runde, so behauptet Strava, misst 0,7 km. Stimmt sicher nicht, zumal der GPS-Empfang unter der Betondecke schwach ist. Der Schrittzähler meines Handys ermittelt niedrigere Werte, und an die halte ich mich. Mit meinem roten Ranzen auf dem Rücken marschiere ich an den Auslagen entlang, bis zum Starbucks, wende auf die andere Hallenseite, dann passiere ich den öffentlichen Trinkhahn, die schlafenden Afrikanerinnen, in die sich meine Gattin mit ihrer japanischen Schlafmütze eingereiht hat (die Afrikanerinnen kicherten eine Viertelstunde lang. Was die wohl gedacht haben mögen? Dass es sich um eine besonders fromme Frau handelt, vielleicht?). 

Ich kontrolliere die Anzahl unserer Taschen, alles ok, meine Braut schläft, also weiter. Dann vorbei am Red Bull-Automaten, zu Costa Coffee, an der Baustelle rüber zum Eingang des „Dubai International Hotels“, wieder Wende, um wenig später an ein merkwürdiges Highlight zu gelangen: den Eingang der Raucherlounge. Seltsam ferne, fremde, und für mich als Ex-Raucher auch vertraute Düfte. Wieder Wechsel zur anderen Seite; wie geht’s meiner Frau? Nichts bewegt sich, alle Taschen da. Dann weiter, bis zum Ende der Rolltreppe, Seitenwechsel. Das also ist eine Runde, und im Verlauf der nächsten 2:15 Stunden lege ich hiervon einige zurück. Ich zähle nicht mit. Besondere Vorkommnisse: Drei Toilettengänge, dreimal die Starbucks-Smoothie-Flasche am Trinkhahn nachgefüllt, einmal Kurzkonversation mit der Somalierin neben meiner Frau (als diese nämlich kurz absent ist und sie mich über ihren Verbleib informiert). Insgesamt werde ich von Runde zu Runde immer mehr wahrgenommen als der, der da seine Runden dreht, aber auf keinem der fremden Gesichter lässt sich ein Kommentar erdeuten. Hängt vielleicht mit den vielen disparaten Kulturgrüppchen zusammen: Je heterogener die Gesamtmenge, desto neutraler der Gesichtsausdruck. So‘n leerer Blick kommt nicht so schnell in‘n falschen Hals wie ein Lachen oder gar ein Augenzwinkern. 

An einem Gate gehts nach „Clark“. Nie gehört, diesen Ort. Wo soll das sein? „Male“ ist auf Sansibar, oder? Am Gate C8 tut sich ab 1:30 Uhr auch was. Eine langeSchlange bildet sich, und ich versuche, die zu erwandernde Enddistanz zu ermitteln. Schafft man 10 km, ohne den Abflug zu verpassen? Sobald mein Schrittzähler auf 10 springt, wecke ich meine Frau, und mit knapper Not schaffen wir‘s in unser Anschlussflugzeug nach München. Laut Strava war ich 16 km unterwegs, aber das ist Blödsinn. 10 waren’s aber bestimmt, und die blaue Aufzeichnungslinie finde ich graphisch durchaus gelungen. Und jetzt: Gute Nacht!



1 Kommentar:

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