Mittwoch, 28. Februar 2018

Fahrverbote? Was sagt dazu ein Tenor, der am Münchener Altstadtring im Erdgeschoss wohnt?

In den Reaktionen der Politiker fällt mir eine gewisse Einseitigkeit auf. Alle stellen sich auf die Seite der Autofahrer, sprechen von „kalter Enteignung“ oder betonen die Bedeutung der Diesel-Technologie für die deutsche Automobilindustrie. Sobald man als Anwohner des Münchener Altstadtringes auf die pausenlose Umwölkung durch KFZ hinweist, wird man belehrt, dass die Gefährlichkeit der Diesel-Emissionen keineswegs belegt sei, außerdem habe man die Grenzwerte willkürlich festgelegt. 

Als stummer Einatmer ist man geneigt, den Richtern des Bundesverwaltungsgerichtes zu applaudieren. Natürlich ist es unangenehm, zunächst eine große Geldmenge gegen ein Auto getauscht zu haben, um mit diesem anschließend nicht überall fahren zu dürfen. Aber, hey, mit meinem Fahrrad darf ich auch nicht überall aufkreuzen, etwa auf Bundesautobahnen. 

Wenn ich meine verkehrspolitischen Wunschvorstellungen äußern dürfte, dann wären dies zuvörderst autofreie Innenstädte - in München etwa innerhalb des mittleren Ringes. Dürfte - denn tue ich dies, kann ich mich umgehend darauf einstellen, von Autofetischisten angeblafft zu werden. Etwa neulich, bei Facebook: „Sollen dann die Handwerker auf dem Lastenfahrrad in die Innenstadt kommen?“ fragte man mich gereizt, was ich in aller Unschuld bejahte. UPS und DHL machen‘s ja auch so, und wäre ich Handwerker, führe ich sowieso immer Lastenfahrrad, sogar ohne Elektromotor, ist ja eh klar. Mein Lieblingsmodell ist übrigens dieses: 


Die Bedeutung der Autoindustrie für Deutschland ist mir bewusst. „Die Deindustrialisierung ist schnell herbeigeredet“ las ich heute in der FAZ. Nein, ich bin gegen Deindustrialisierung. „Eine Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene würde Jahrzehnte dauern“ las ich im selben Artikel. Hm. Wenn jetzt entschlossen neue Gleiskörper und Schienenfahrzeuge entwickelt und gebaut werden würden, könnte von einer Deindustrialisierung keine Rede sein - und zwar, um den Worten des Journalisten zu folgen, über Jahrzehnte. Für den privaten Individualverkehr stehen bekanntlich (industriell gefertigte) Elektroautos und, noch besser, potente Velomobile parat, zudem ein öffentlicher Nahverkehr, der in vielen Städten, etwa in München, Autos komplett überflüssig macht - sogar, wenn er nicht umsonst ist (die Kosten eines Autos sind immer höher als die einer Netzkarte im öffentlichen Nahverkehr).

Heute nutzte ich diesen nicht, sondern nur mein kleines Birdy. Fuhr dick vermummt 24 km zum Gesangsunterricht und zurück, nachdem ich Gesangslehrerin Susanne Eisch vor längerer Zeit mein Interesse bekundete. Resultat erstens: Neugier ist geweckt. Zweitens: Ich bin Tenor. 

Und jetzt fahrt ruhig alle weiter. Nehmt auf mich keine Rücksicht, denn ich bin feinstaubresistent. Tausende Rennradkilometer in Euren Dunstwolken haben mich abgehärtet. Brumm-Brumm! 

Kommentare:

  1. Hallo Wigald - unter Radfahrern duzt man sich doch, oder ;)
    als Radfahrer und Pilot eines potenten Velomobils stimme ich dem Artikel grundsätzlich zu. Allerdings kenne ich auch die andere Seite. Als Inhaber eines Arbeitsplatzes mit Migrationshintergrund, will heißen: mit häufig wechselnden Einsatzorten und hoch flexiblen Arbeitszeiten, kann ich aber aus Erfahrung berichten: So einfach geht das nicht. Und zwar nicht, weil die Fahrverbote sinnfrei sind, sondern weil die Politik versäumt hat, die nötige Vorarbeit zu leisten. Die nötigen Maßnahmen gehen viel weiter als nur Verkehrspolitik zu machen. Aus meiner Erfahrung: Wenn ich nach München fahren muss, um bei einem Kunden meine Dienstleistung zu erbringen, und gleichzeitig im Automobilwerk nebenan Branchenkollegen aus z.B. Regensburg oder Nürnberg arbeiten, kommt mir schon manchmal der Gedanke:"Was ist denn da schief gelaufen?" Und das ist kein Einzelfall, wie ich betonen möchte. Wenn man bedenkt, wie viele Diesel-Kilometer hier eingespart werden könnten...
    Für Anwohner viel befahrener Straßen indes, besonders in Großstädten, wird die Verkehrsbelastung immer ein Problem sein, weil nicht davon auszugehen ist, dass der motorisierte Individualverkehr - besonders auf viel befahrenen Straßen - gänzlich abgeschafft wird.
    Ich würde, so ich es könnte, täglich mit dem Rad zur Arbeit fahren, aber es fehlt an so vielem, was dafür nötig wäre. Und da ist das Fehlen von Umkleidemöglichkeiten beim Kunden leider nur das kleinste Problem.
    Wenn also die Politik ihr Hausaufgaben machen würde, dürfte meinetwegen das Auto auch komplett aussterben. So würde dazu aus dem ÖPV noch ein Wachstumsmarkt...

    Nachdenkliche Grüße... Lars

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    1. In der Rückschau war es sicher ein Fehler, sich volkswirtschaftlich so sehr auf die Autoindustrie zu verlassen, wie dies unter Kanzler Schröder geschehen ist. Gleichwohl glaube ich, dass VW & Co eine Chance haben, wenn sie erstens den Innovationswettbewerb nicht verschlafen und zweitens endlich ehrlich werden. Momentan assoziiere ich mit „VW“ zuallererst „Betrüger“ und könnte mir kaum ein solches Produkt zulegen.
      Die Verkehrsbelastung wird in den Städten hoch bleiben, aber langfristig gewiss emissionsfrei - darauf freue ich mich schon.
      Auf Umkleidemöglichkeiten verzichte ich schon lange, Dusche sowieso - und ich versuche, alles, was möglich ist, per Rad zu erledigen. Aber für den Komponisten von „Mief!“ gelten womöglich Sonderregeln, hihi. Schönen Tag Dir!

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    2. :D
      Leider funktioniert "Nimm mich jetzt, auch wenn ich stinke" bei mir nicht. Das hat sicher geschäftsschädigende Wirkung. Von da her genießt du da sicher einen Sonderstatus ;) :D

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  2. Ich werde mal ein Zitat von Vince Ebert in die Diskussion einfügen:

    "Was ist typisch deutsch? Wenn studierte Theaterwissenschaftler utopische Grenzwerte beschließen, Ingenieure und Automanager aus Feigheit vor einer öffentlichen Konfrontation kuschen und dann hintenrum versuchen, das Ding mit unlauteren Mitteln hinzubiegen."

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